Der Familienhund – Ein Hund, den es nicht gibt

So ein Familienhund hat es nicht leicht. Immerhin soll er etwas sein, dass es faktisch gar nicht gibt. Von diesem Hund wird häufig erwartet, dass er die Familie vervollständigt. „Du gehörst jetzt zu uns, mach uns glücklich.“ Damit müsste der Hund quasi die Rolle der Nanny, des Psychotherapeuten und Bodyguards übernehmen – und das Ganze ohne Ausbildung. Unmöglich. Um zu verstehen, was ein Familienhund sein soll, muss der Begriff „Familienhund“ genauer untersucht werden.

Familie heute und gestern

Im 19. Jahrhundert bestand eine Familie aus Oma, Opa, Mama, Papa und einem Haufen Kinder. Mitte der 1950er Jahre wohnten Oma und Opa zumeist alleine bis zur Wohnungsaufgabe. Entweder gingen sie ins Seniorenheim oder verstarben. Wenn Sie einen Hund hatten, lief er nebenher. Er war einfach dabei. In unserem Jahrtausend hat eine Familie selten mehr als zwei Kinder, der Trend geht eher zum Ein-Kind-Haushalt. Seit einigen Jahrzehnten ist es auch üblich, dass die Frauen mitarbeiten. Die alten Familienstrukturen gibt es heute kaum noch. Somit hat sich im Wandel der Familienstruktur auch das Umfeld des Hundes verändert.

Damals Hofhund, heute Sozialpartner

Im 19. Jahrhundert war der Hund eher im Stall oder draußen, hatte klare Aufgaben und wurde eigentlich als Hofhund oder Jagdhund bezeichnet. Mitte der 1950er gingen die Höfe und die Anzahl der Hunde zurück. In den Städten waren sehr wenige Tiere, und wenn, dann gehörten sie oft zu den Rassen Dackel, Pudel und Schäferhund, dann kam eine Zeit der Boxer, Cocker Spaniel und Kleinspitze. Jede Zeit hatte ihre Hunde, und zu jener Zeit wurden die Hunde oft als Modehunde bezeichnet. Es war halt Mode, einen Hund dieser oder jener Rasse sein eigen zu nennen. Der Ausdruck Familienhund wurde eigentlich nie erwähnt. Lag es daran, dass die Zusammensetzung und Defnition von Familie im Wandel war, oder war der Anspruch bzw. Anschluss des Hundes an die Familie geringer? Seit etwa zwei Jahrzehnten werden zunehmend unter anderem Golden Retriever, Labradore oder z. B. ELOs®, häufig als kinderliebe Familienhunde angeboten.

Was ist da passiert? Der Golden Retriever und der Labrador sind Apportierhunde, werden gerne auch zur Bergung von Wild aus dem Wasser eingesetzt. Wie werden diese Hunde zu Familienhunden? Ganz einfach: Es gibt einen Wurf und die Hunde müssen verkauft werden. Aber sie haben keine Aufgabe mehr, denn es gibt nur wenige Jäger. Eine Verkaufsmöglichkeit ist eine ganz einfache Anpassung an den Markt. Die Tiere müssen etwas sein, was sich die potenziellen Halter wünschen. Und das ist gar nicht schwer: fast jeder wünscht sich Zusammenhalt, Geborgenheit, Partnerschaft, gemeinsame Aktivitäten – also eine Familie.

Vater, Mutter, Kind, Hund

Immer häufger ist heute folgende Situation anzutreffen: Mann trifft Frau, Heirat, Kind, Häuschen und jetzt muss ein Hund her. Also was muss der Hund sein: ein Familienhund zur Komplettierung des Glücks. Also wäre ein Defnitionsansatz: Familienhund = ein Hund für eine Familie. Und weil jeder Mensch anders ist und der Hund ja glücklich machen soll, müsste er, klischeehaft dargestellt, folgende Bedürfnisse erfüllen können:

Mann – geht entweder joggen, Fahrrad fahren oder schwimmen, trinkt gerne mal ein Glas Bier oder Wein, liest und isst gerne, arbeitet viel.
Frau – ist zu Hause, geht entweder auch zum Sport oder trifft sich mit ihren Mädels, geht gerne shoppen und liebt es auf dem Sofa zu kuscheln.
Kind 1 – krabbelt gerade, zieht und zerrt mal gerne irgendwo dran, schreit viel.
Kind 2 – will gerne mit dem Hund kuscheln und setzt ihn verkleidet in den Puppenwagen, spielt draußen mit Freunden und hört gerne laute Musik.

Und hier ist dann der Familienhund: Ein joggender, geselliger, verfressener, gerne shoppen gehender, verspielter, an sich ziehen lassender, verkleidet im Puppenwagen sitzender Hund, der gerne im Wasser spielt und laute Musik mag. Dazu haart er kaum und knurrt nie, denn Aggression und herum liegende Haare mag die Familie gar nicht. Und diese Kreation eines Hundes würde dann alle Familienmitglieder gleichermaßen glücklich machen.

Und jetzt zum Begriff Hund

Gruppe: Canis lupus familiaris, Beutegreifer, hoch sozial, lebt seit ca. 15.000 Jahren mit dem Menschen und hat es in dieser Zeit geschafft, sich einen Platz neben ihm zu sichern. Frei lebende Hunde auf der ganzen Welt suchen gerne die Nähe des Menschen, denn hier gibt es immer Futter. Entweder in Form von im Napf serviert, oder in Form von Mülltonnen, die man plündern kann. Fasst man jetzt die Begriffe Familie und Hund zusammen, ergibt sich eigentlich eine sehr geringe Schnittmenge. Zum einen proftieren Kinder in ihrer Entwicklung und Erwachsene im normalen Alltag vom Zusammenleben mit Hunden, und zum anderen proftieren auch Hunde davon, fest beim Menschen zu leben. Sozialer Kontakt, Gesundheitsfürsorge und ein sicheres Umfeld gefällt einem Hund. Das kann aber ein Hund jeder Rasse sein. Es ist einfach entscheidend, wie das Tier sozialisiert wurde, aufgewachsen ist und ob es bereit ist, diese Lebensform als seine anzunehmen, sich zu integrieren. Die Heritabilität von Verhaltensweisen, die im Zusammenhang mit Attributen wie dem „Familienhund“ genannt wird, ist so niedrig, das man kaum von zuchtrelevanten Merkmalen sprechen kann. Und jetzt haben wir so einen Hund, der zufällig einer als Familienhund bezeichneten Rasse angehört und stecken ihn in eine solche Familie mit diesen Erwartungen.

Kann ein Hund solche Erwartungen erfüllen und macht es ihn glücklich dies zu tun? Hier besteht die Gefahr einer Instrumentalisierung des Hundes, weg von der Akzeptanz natürlicher Verhaltensweisen wie z. B. Knurren oder dem Meiden von Situationen wie z. B. weg gehen statt verkleidet im Puppenwagen zu sitzen, hin zu der Vergabe von Aufgaben (Spielpartner für Kinder, Sportpartner für Erwachsene, etc.) die ihn überfordern können. Ebenfalls fehlt so die Berücksichtigung der Individualität des Hundes. Der eine ist Neuem gegenüber aufgeschlossen, neugierig und anpassungsfähig. Ein anderer tut sich mit Neuem schwer, ist introvertiert. Beide sind aber Hunde, beide gehören der gleichen Rasse an.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 2/2012
Beitrag: Jörg Tschentscher, Ausgeb. Tierpsychologe IK, Verhaltensbeurteiler, Abnahme Sachkundenachweis NRW, www.hundesprache.net

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Ein Kommentar zu Der Familienhund – Ein Hund, den es nicht gibt

  1. Inuki sagt:

    Wow, dieser Artikel hat mich echt zum Nachdenken gebracht.
    Es stimmt, dass wir aus unseren Hunden nur das machen, was wir wollen, aber meist nicht zum Hund passt.
    Viele übertreiben es auch. Gerade das Beispiel mit dem Hund im Kinderwagen ist ja beliebt. Sowas darf einfach nicht sein.

    Danke für den Denkanstoß. 😉

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