Was müssen Hunde wirklich lernen?

Interview mit Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen
Die Kieler Verhaltensforscherin Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen ist Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutzkunde am Zoologischen Institut an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Mittlerweile ist sie eine der gefragtesten Expertinnen, wenn es um das Thema Hund geht. Wir haben sie unter anderem gefragt, wie sich Maulkorbpflicht und genereller Leinenzwang auf das Verhalten der Hunde auswirken.

Dr. Feddersen-Petersen, einerseits verhätscheln Hundebesitzer ihre Tiere und ein Milliarden Markt rundum die Haustiere ist entstanden. Andererseits werfen Menschen in der gleichen Zeit ihre Haustiere in Mülltonnen, ertränken sie oder Ähnliches. Wie sieht es ihrer Meinung nach mit dem Bewusstsein der Menschen für die Bedürfnisse der Tiere aus?

Dr. Feddersen-Petersen: „Tja – ganz furchtbar klein, das ist zum Teil sehr erschütternd. Die große Hundeliebe entpuppt sich ja bei vielen Menschen sehr häufi g als eine Laune. Sehr schnell wird dann eben ein einst heiß geliebtes Tier verworfen, abgegeben und letztlich wird ihm keine Träne nachgeweint. Man kommt dann schon ins Grübeln und überlegt sich dann, wie unser Zusammenleben so im Allgemeinen bestimmt ist. Der zwischenmenschliche Umgang leidet ja gleichfalls unter Härte und Mitleidlosigkeit. Urbanes, technisiertes Leben hat uns offenbar zugesetzt, es überfordert Menschen, sie nehmen Schaden. Der schlechte Umgang mit Tieren, die feh-lende Empathie sehe ich als symptomatisch dafür. Am Verhältnis zum Hund kann man verschiedene Extreme des menschlichen Verhaltens immer wieder beobach-ten. Hunde setzen das sozusagen frei: das Verwöhnen, das nicht Erziehen, das nicht Fertigwerden mit dem Tier und das Abgeben. Letztlich das Loswerdenwollen dessen, was man verdorben hat – womit man nicht fertig geworden ist. Das ist ganz furchtbar traurig.“

Sind „Sitz- Platz –Fuß“ überhaupt wichtig? Was müssen Hunde wirklich lernen?

Dr. Feddersen-Petersen: „Hunde brauchen Menschen, die ihnen beibringen, bestimmte (unerwünschte) Verhaltensweisen zu än-dern oder zu unterbrechen und sich dem Menschen anzupassen. Sie müssen auf ihren Menschen achten und von ihm sicher geführt werden. So, dass keine Gefahr von den Hunden ausgeht oder sie jemanden stören, indem sie beispielsweise fremde Menschen aufdringlich beschnüffeln, bedrängen oder an ihnen hochspringen. „Sitz-Platz-Fuß“ – das sind so Dinge, die exerziert werden. Damit will man zeigen, wie toll der Hund erzogen ist. Michael Grewe hat das mal als Sekundärtugenden bezeichnet, als etwas, worauf man verzichten kann, so wie Tischmanieren oder so: Kann man machen, muss man aber nicht. Wichtig ist, dass Hunde sich in der sozialen Gruppe zusammen mit dem Menschen anpassen und ihr Verhalten auf den Menschen einstellen und sich am Menschen orientieren.“

Wie wirken sich eine Maulkorbpflicht und ein genereller Leinenzwang auf das Wesen und Verhalten auf Hunde aus?

Dr. Feddersen-Petersen: „Auf alle Fälle negativ! Hunde, die ständig einen Maulkorb tragen oder dem ständigen Leinenzwang unterlie-gen, können sich nicht hundgerecht begrüßen bei Begegnungen im Wald oder auf der Straße. Sie können sich nämlich nicht an den Genitalien beschnuppern oder die Rituale des Kennenlernens, wie das umeinander Herumgehen, durchführen. Dadurch kommt es immer wieder zu Aggressionsverhalten und zu Missverständnissen zwischen den Hunden. Maulkorb und Leinenzwang sind bei der Entwicklung eines normalen Miteinanders – eines ausgeglichenen Miteinanders – von Hunden sehr hinderlich.“

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, die Hundehaltung in Deutschland zu reglementieren? Welche Lösungen für ein funktionierendes Miteinander – gerade in Stadtgebieten – wären für Sie eine wirkungsvolle Alternative?

Dr. Feddersen-Petersen: „Ich finde es mittlerweile wichtig, dass die Hundehaltung dahingehend geregelt wird, dass Hundehalter künftig Prüfungen ablegen müssen. Theoretische und praktische Prüfungen, in denen sie gewisse Kenntnisse über Hundeverhalten nachweisen müssen. Nachweisen müssen, dass sie über Wissen verfügen und mit Hunden umgehen können. Und nur dann dürfen sie auch Hunde halten. Das sollte entsprechend von den Bundesländern verwaltet werden. Wir brauchen keine Rasselisten, denn damit kommen wir nicht weiter. Die letzten Jahre haben bewiesen, dass diese Verordnungen und Entscheidungen damals ein Schuss in den Ofen waren und den Hunden Unrecht tun.

Nicht sie, sondern Menschen sind immer wieder die Verursacher für Hundeelend und auch die Verantwortlichen dafür, dass immer wieder Unfälle mit Hunden passieren. Entweder weil sie ihre Hunde nicht erzogen haben oder weil sie sich nicht um ihre Hunde kümmern und sie nicht sozialisieren können und sie verkommen lassen. Diese Entwicklung muss gestoppt werden. Das muss zu Ende sein.

Das ist natürlich ein sehr großer Aufwand, das ist mir klar. Trotzdem finde ich es wichtig, dass jeder Hundehalter nicht nur seinen Hund chippen und registrieren lassen, sondern eben auch eine Prüfung ablegen muss.“

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 4/2012
Das Interview führte Burga Torges

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Ein Kommentar zu Was müssen Hunde wirklich lernen?

  1. kirsten sagt:

    das ist alles wohl wahr,mein reden ♥
    es macht keinem mehr freude in der stadt erst recht nicht,mit seinem 4-beiner spazieren zu gehen.
    alles ist nur noch verboten
    und dieser leinen-und maulkorbzwang…..
    spielen miteinander,soziale kontakte,alles fällt weg
    Hunde müssen sich auch austoben können,spielen usw.
    im sommer baden gehen und und und…
    und diese diskriminierungungen müssen auch aufhören
    das ein pitbull oder sogenannte kampfhunde von geburt an böse sind
    und große hunde gefährlich…
    die kleinen hackenbeißer sind viel „gefährlicher“ jedenfalls häufiger anzutreffen
    als große knurrhähne
    was war das doch vor 40 jahren noch für eine schöne zeit
    kaum verbots-schilder
    man konnte noch überall mit hunden spasssss haben
    auch in den urlaub
    die tierärzte hatten normale preise
    hundehalter sind ja bald geächteter als die raucher

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