Schwimmen mit Hunden

Viel mehr als nur MuskelaufbauSchwimmen ist ein ideales Training für Hunde, die am Bewegungsapparat erkrankt sind, denn es bietet gelenkschonende Auslastung und ist ideal für den wichtigen Muskelaufbau. Aber mit der Arbeit im Wasser eröffnen sich den Hundebesitzern darüber hinaus Möglichkeiten, die bisher noch viel zu wenig beachtet werden.

Naturgemäß liegt der Schwerpunkt einer Praxis für Hundephysiotherapie mit Indoor-Pool auf der Rehabilitation erkrankter Hunde. Die Steigerung der Mobilität durch das Training im 29 Grad warmen Wasser ist dabei das Ziel. Darüber hinaus gilt es den Patienten das Schwimmtraining so angenehm wie möglich zu gestalten. Denn nicht bei jedem wird es zum Lieblingshobby, aber auch ängstliche oder wasserscheue Kandidaten sollten sich daran gewöhnen und stressfrei damit zurechtkommen. Jahrelange Erfahrung hilft dabei, individuell auf die Persönlichkeit der Hunde eingehen und ihnen durch das Training über die körperliche Therapie hinaus helfen können.

Rassespezifische Eigenschaften nutzen

Ein Schäferhund ist beim Erstkontakt mit dem Schwimmbecken im Normalfall zunächst sehr skeptisch, weil der Zugang anders ist als in ein natürliches Gewässer. Das wird gerne „singend“ kommentiert. Genauso geräuschvoll wird darauf hingewiesen, dass es in den Folgesitzungen zu lange dauert, bis man endlich im Wasser ist. Geduld ist nicht unbedingt Schäferhunds Stärke vor Dienstbeginn. Retriever sind natürlich von Haus aus wasserbegeistert und deshalb besonders schnell an den Pool zu gewöhnen. Aber ihre auf den Menschen bezogene, kooperative Art, ermöglicht eine besondere Art des Apportierens: die Hunde schwimmen freudig mit dem Spielzeug im Maul hinter dem Therapeuten her. Das Werfen ist nicht die Hauptsache. Einem beutefixierten Terrier kann man es damit allerdings nicht recht machen. Die Liebe zum Wasser ist mehr Mittel zum Zweck. Er würde den Ball genauso eifrig aus dem Feuer holen. Und die Fraktion Hütehunde, ebenfalls sehr gute Schwimmer, zeigt schon beim Wasserzugang, wie sie tickt. Man muss diesen Hunden das Gefühl geben, dass sie selbst auf die Idee gekommen sind und dass sie das ganze Unterfangen eigenverantwortlich steuern. Sonst schiebt man einen 40-Kilo-Briard-Rüden jedes Mal wie einen Maulesel ins Becken. Am meisten unterschätzt aber sind die Berner Sennenhunde. Sehr häufig wird der eigene Berner bei der Datenaufnahme als wenig wasseraffin und auch nicht als apportierfreudig beschrieben. Dabei stehlen die meisten von ihnen so manchem Labrador im Wasser die Schau. Arbeitshund bleibt eben Arbeitshund und wenn man schon keinen Hof mehr hütet und Milchkannen transportiert, dann wird halt im Wasser gearbeitet. Ebenso leben viele Jagdhunde, die als Familienhunde nicht im weiteren Sinne jagdlich gefördert werden, beim Apportieren im Pool richtig auf und suchen eifrig die Kooperation mit dem Therapeuten.

Ein besonders intensives Erlebnis ist das Training mit Senioren. Egal ob sie immer wasserscheu oder noch bis vor kurzem eifrige Schwimmer in Seen oder Flüssen waren, sie reagieren auf die ungewohnten Umstände meist erstaunlich gelassen. Allerdings benötigen sie aufgrund der eingeschränkten Sinnesleistung eine enge Führung durch den Therapeuten. Oft gibt es zusätzlich Sicherheit, wenn sie nah am Beckenrand schwimmen oder sogar gemeinsam mit einem Begleithund trainiert werden. Ihnen tut die Bewegung im warmen Wasser körperlich besonders gut, weil sie sich an Land längst nicht mehr so frei bewegen können. Der ganze Stoffwechsel kommt in Schwung und sie sind nach dem Training von einer anrührenden Zufriedenheit erfüllt.

Wasser bringt den Hundecharakter an die Oberfläche

Genauso ist es natürlich ein unvergessliches Event für alle Beteiligten mit Welpen zu schwimmen. Die Hunde lernen in gesicherter Atmosphäre, dass sie schwimmen können, und werden dabei tatkräftig von ihrer Familie unterstützt. Hier lassen sich die individuellen Persönlichkeiten bereits erkennen. Besonders gut gelingt dies, wenn ein Züchter mit einem Wurf Welpen kurz vor der Abgabe kommt. Denn diese Tiere sind bisher alle unter den gleichen Bedingungen geprägt und es wird sofort sichtbar, wer mutig, schüchtern, lebhaft, dramatisch oder eigenwillig ist. Eine kontrollierte Stress-Situation, die solche Charakterzüge auf den Punkt bringt.
Ein Aspekt ist dabei besonders interessant für das Mensch-Hund-Team. Wie ist der Hund bereit sich führen zu lassen? Akzeptiert er den Menschen als Hilfe? Diese Aussage ist vor allem spannend bei Hunden, die aus dem Tierschutz kommen und beispielsweise in Tötungsstationen belastende Situationen durchlebt haben. Ihnen tut das Schwimmen gut – sicher körperlich zum Muskelaufbau – aber vor allem seelisch. Sie lernen über die intensive Auseinandersetzung mit dem Menschen im Wasser ihre Scheu vor Fremden zu verlieren. Und vor allem zeigt die Art, wie sie sich auf diese Situation einlassen, wie sie außerhalb des Wassers folgen werden. Ein Galgo (spanischer Windhund) beispielsweise, der sich im ungewohnten Wasser am Menschen orientiert und den Kontakt sucht, wird in wildarmer Umgebung zukünftig eher ableinbar sein. Während Tiere, die die ganze Zeit eigenständig nach einem Ausweg aus der Situation suchen und die Therapeuten komplett ignorieren, viel länger für den Vertrauensaufbau benötigen. Sie haben bisher noch nicht gelernt, dass es hilfreich ist, sich am Menschen zu orientieren. Aber eins zeigt sich bei allen Galgos, genauso wie bei anderen vorsichtigen Hunden – nach dem Schwimmen sind sie in ihrer Persönlichkeit gewachsen. Sie sind stolz auf sich – zu Recht. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es ausschlaggebend, dass ein Therapeut die Situation kontrolliert und dass die Bezugspersonen vom Rand aus Unterstützung bietet.

Neben der Einschätzung zur Persönlichkeit, die das Schwimmen in einem Therapiebecken liefern kann, gibt es natürlich die Möglichkeit an den individuellen Aufgabenstellungen im Wasser zu arbeiten. Erfahrene Therapeuten können die Besitzer dazu anleiten, wie sie ihre Hunde sinnvoll unterstützen. Ein wunderbarer Weg um noch enger zusammenzuwachsen.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 1/2017
Beitrag: Susanne Siebertz, Hundephysiotherapeutin, www.gangwerk.de

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