Ein Mann – Ein Wolf

Sie heißen Amarok, Peter, Waya, Ivin, Vilks, Gorbi und Kalinka. Ihr Blick ist ruhig und voller Offenheit. Es sind sieben der 20 Timber-, Polar-, Europäischen und Sibirischen Wölfe die im Wolfspark von Verhaltensforscher Werner Freund bei Merzig leben. Er hat sie, wie 50 andere Wölfe, selbst aufgezogen, lebt mit ihnen und ist Anführer ihrer Rudel. Er aß mit ihnen rohes Fleisch und trug so manchen Rangordnungskampf mit ihnen aus. Dafür wurde er oft belächelt und bekrittelt. Fakt ist aber, niemand kann ihnen so nah sein wie er, denn niemand kennt das Verhalten der Wölfe so genau wie Werner Freund.

„Ich kann nur in ihr Rudel gehen, weil ich sie aufgezogen habe und ihr Anführer bin.“

Es ist respekteinfößend, die großen schwarzgrauen Timberwölfe dabei zu beobachten, wie sie aufgeregt am Gehegezaun hin- und herlaufen. Ihr Rudelführer ist gekommen und in sein Geheule stimmen sie lautstark mit ein. Denn sie gehören zusammen, und als er das Gehege betritt, erweisen sie ihm ihren Respekt durch ein Kinn- (Leftzen) Lecken und scharen sich um ihn. Doch auch wenn alles so friedlich aussieht, der ehemalige Raubtierpfeger und Fallschirmjäger will den Besuchern seines Parks keine Kuscheltiere präsentieren. „Ich kann nur in ihr Rudel gehen, weil ich sie aufgezogen habe und ihr Anführer bin. Sie haben Vertrauen zu mir, weil sie mich seit Jahren kennen. Bei einem Fremden würden sie dieses Verhalten nicht zeigen, da wären sie sofort weg und würden ihre Jungen in Sicherheit bringen“, erklärt der erfahrene Wolfsforscher.

„Wer als Kind keinen Zugang zu Tieren hatte und nur mit dem Computer spielt, der wird keine Verbindung aufbauen können. Zu keinem Tier.“

Einfühlungsvermögen und Wissen

Um mit hochintelligenten Wildtieren wie den Wölfen arbeiten und sie erforschen zu können, braucht es grenzüberschreitendes Auffassungs- und Einfühlungsvermögen. Das sagte auch Werner Freunds großes Vorbild Conrad Lorenz zu ihm bei seinem letzten Besuch. „Außerdem braucht man eine Gabe, zwei wache Augen und man darf kein verweichlichter Mensch sein“, ergänzt Werner Freund. Er beschreibt seinen Alltag als ein Leben in einer anderen Welt, für die man offen sein muss. „Man lernt immer dazu und dazu muss man bereit sein. Wer als Kind keinen Zugang zu Tieren hatte und nur mit dem Computer spielt, der wird keine Verbindung aufbauen können. Zu keinem Tier.“ Das gelte auch für Menschen, die sich einen Hund anschaffen, ohne Vorkenntnisse zu haben. So sei es beispielsweise ein großer Fehler, das Untertänigkeitslecken der Hunde am Gesicht des Besitzers zu unterbinden. Denn dadurch würde eine direkte Sperre zwischen Hund und Mensch erzeugt. Potenzielle Hundebesitzer sollten sich seiner Ansicht nach erst über dessen Ursprung, nämlich den Wolf, informieren und dann am besten einen Fachmann hinzuziehen, der ihnen über Gewohnheiten und Bedürfnisse des Hundes einen umfassenden Überblick verschafft. „Denn nur wenn man weiß, wie die Bedürfnisse des Hundes zustande kommen, kann man auch ein Empfinden für das Tier entwickeln. Und nur dann kann man sich bewusst für das Zusammenleben mit einem Hund entscheiden“, macht Werner Freund, Autor zahlreicher Bücher, deutlich.

Expeditionen und Erfahrung

Bevor Werner Freund 1972 mit seinem Wolfspark sesshaft wurde, führten ihn 17 Exeditionen von Papua-Neuguinea, über Asien bis zu den Mulukken in die entlegensten Regionen der Erde. Seine mehreren Hundert von dort mitgebrachten Exponate werden heute in dem Expeditionsmuseum Werner Freund in Merzig ausgestellt. Aber er war nicht immer ein Wolfsmensch, denn bevor für ihn dieser neue Lebensabschnitt 1979 begann, kümmerte er sich, auch gemeinsam mit seiner Frau Erika, 17 Jahre lang um Bären.

„Wölfe lassen sich niemals gehen. Wer Schwäche zeigt, wird ausgeschlossen.“

Führung und Disziplin

„Wenn mir jemand vor einigen Jahren gesagt hätte, ich würde einmal mit Wölfen leben, hätte ich demjenigen wahrscheinlich einen Vogel gezeigt“, lacht der 78 Jahre alte Forscher. Er hat während seiner Arbeit viele Parallelen von Mensch und Wolf festgestellt. „Genau wie der Wolf ist der Mensch ein Rudeltier, der einen Anführer braucht. Ob Diktatur oder Demokratie, es braucht einen, der das Sagen hat, sonst gibt es für die Gemeinschaft kein Ergebnis.“ Auf die Frage – Was Menschen vom Wolf lernen können, antwortet er: „Disziplin! Wölfe lassen sich niemals gehen. Wer Schwäche zeigt, wird ausgeschlossen.“ Denn auch wenn Wölfe sehr sozial sind, leben sie doch im Jetzt. „Ist ein Wolf krank und liegt im Sterben, wird er in der Natur zurückgelassen. Anders als hier im Wolfspark. Muss hier ein Tier über einen längeren Zeitraum mit Futter und Medikamenten versorgt werden oder liegt im Sterben, nehme ich ihn aus dem Rudel.“ In der freien Wildbahn werden die meisten Wölfe nur knapp 2 Jahre alt. Werner Freund´s Wolf Iff lebte mehr als 17 Jahre lang bei ihm.

Lebensraum und Zukunft

Die Wolfsgehege im Park bei Merzig sind großzügig bemessen. Doch sie können den natürlichen Lebensraum für frei lebende Wölfe nicht ersetzen. „Ein dauerhaftes Überleben von Wölfen in Deutschland bzw. Europa ist nur noch in den östlichen Gebieten möglich“, bedauert Werner Freund. „Hier bei uns wird die Natur immer weniger, durch die zunehmende Bebauung.“ Mit seiner Arbeit hat Werner Freund aber wesentlich dazu beigetragen, den Wolf wieder in ein positiveres Licht zu stellen, als es in Märchen und Sagen jahrelang übermittelt wurde. „Diese Geschichten vom „bösen Wolf“ haben unnötige Furcht und auch Hass den Tieren gegenüber geschürt. Dadurch, dass ich das Wesen der Wölfe erforscht habe, konnte ich es dem Menschen aber wieder näher bringen“, refektiert Werner Freund seine Arbeit. Sein Wolfspark ist sein Lebenswerk und er ist glücklich. Auch für die Zukunft hat er vorgesorgt.

Gemeinsam mit einer Holländerin zieht er gerade einige Wolfswelpen groß. „Ich führe sie in die Rudel ein. Sie wird einmal meine Arbeit übernehmen.“ So, hofft er, wird sein Lebenswerk auch weiterhin in seinem Sinne fortgeführt. „Ich habe in meinem Leben alles erreicht, denn ich habe zwei Leben gelebt. Eines als Mensch und eines als Wolf. Welches mir am besten gefällt, das behalte ich für mich!“

Besuchen Sie den Wolfspark und das Expeditionsmuseum Werner Freund in Merzig. Der Wolfspark ist täglich geöffnet, der Eintritt ist frei. Angeleinte Hunde sind willkommen. www.wolfspark-wernerfreund.de

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 3/2011
Beitrag und Fotos: Burga Torges, Hundeart www.hundeart.com

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