Zwischen Tierklinik und Hunderudel – Interview mit Marco Lenzen

Früher war Marco Lenzen ein sehr erfolgreicher Unternehmer in der Modebranche. Dann hat er in Düsseldorf die erste High-Tech-Tierklinik Deutschlands eröffnet, mit dem Ziel, Tiere zu retten. Auch privat hat er sich dem Tierschutz verschrieben. Er betreut zu Hause ein Rudel von 15 – teils behinderten – Hunden. Wir sprechen mit ihm über Tierschutz und seine Motivation.

Herr Lenzen, Sie haben ihr Leben zum Wohl der Tiere völlig umgekrempelt. Was hat Sie dazu bewogen, und woher nehmen Sie die Kraft?

Marco Lenzen: „Jedermanns Leben ändert sich ja graduell jeden Tag. Daher bemerken wir oft nicht, dass wir uns dann nach Jahren wesentlich verändert haben.

‚Mit der Zeit nimmt die Seele die Farbe unserer Gedanken an‘, wie der kluge Marcus Aurelius an sich selbst so klug schrieb. Es hat kein Umkrempeln gegeben. Ich habe mich also nie wirklich verändert, sondern nur den Schwerpunkt meiner Arbeit auf das gelegt, was mir schon immer wichtig war. Denn genau die uneigennützige Kraft, die in uns allen ist, welche uns so in Ihrem Sinne verändert, ist es, die es uns mit Freude schaffen lässt. Als wir unsere Hündin Lesia vor 12 Jahren am Straßenrand in Griechenland fanden, wussten wir zwar noch nicht, dass sie Namensgeberin für eine Tierklinik werden wird, meine Familie und ich wussten aber sehr schnell, dass sie uns verändern würde.“

Sie leben mit 15 Hunden zusammen. Wie sieht der Alltag aus?

Marco Lenzen: „Es sind ’nur‘ noch 14. Meine geliebte Dora, ein starkes altes Weibchen, ist vor ein paar Tagen, ihre Pfote in meiner Hand, in unserer Küche ge- storben. Vom Aufstehen bis zum Zubettgehen am Abend, ist nahezu unser ganzes Leben dem Helfen der Hunde untergeordnet. Dies klingt lächerlich pathetisch. Ist aber nun mal genau so.“

Was sagt Ihre Familie zu Ihrem Engagement? Hat sich Ihr Privatleben seitdem geändert?

Marco Lenzen: „Meine Tochter und meine Frau engagieren sich noch viel effektiver und aktiver für die Tiere als ich. Meine Tochter lebt mit neun Hunden in einem Anbau bei uns. Darunter sind auch zwei blinde Rüden, Bummel und Bobby. Der eine hasst Katzen, der andere rastet aus, wenn ein Handy klingelt. Ein anderes Zuhause würden beide wohl nie wieder fnden. Egal wohin ihr Lebensweg meine Tochter führen wird, es wird in der Nähe sein, denn sie könnte sich nie von den Hunden trennen. Meine Frau arbeitet in der Tierklinik mit, wann immer sie sich freimachen kann vom Futter kochen, Wunden verbinden und Gassi gehen.

Allein könnte ich das nicht stemmen, und ja, unser Privatleben hat sich defnitiv verändert, aber Güte ist wunderbarerweise ansteckend. Sie schien mir so etwas wie best practice in moralischen Angelegenheiten zu sein. Das Zusammenleben von den vielen Tieren mit uns und unseres miteinander ist wunderbar.“

Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Marco Lenzen: „Geld ist eine alles-durchsetzende-menschensteuernde Macht, die man am besten handhabt, wie es Ambrose Bierce mit der Mode empfahl: ‚Fashion: A despot whom the wise ridicule … and obey.‘ Seine neutrale Kraft zu verleugnen ist ein zu häufger Fehler der Lieben.“

Der Begriff Tierschutz wird heute sehr schnell für alles hergenommen, was mit Tieren zu tun hat. Was ist aus Ihrer Sicht wirklich Tierschutz, und wo hat dieser seine Grenzen?

Marco Lenzen: „Alle Hilfe muss real dem Leben des Geschützten dienen. Der Bio-Fleischproduzent, der sein Kälbchen vier anstatt drei Monate leben lässt und für den toten Körper 30 % mehr verlangt und auf dessen Fleisch dann Tierschutz steht und der mit seinen Ferkelchen auf dem Arm posiert, ist widerlich. Tarnmanöver mit Tierschutzsiegel, wenn sie nicht Grundsätzliches verbessern, stellen nur Anpassungen des Produktionsprozesses an die Marketingerfordernisse wohlmeinender Konsumenten dar. Jeder sollte sich in seinem Handeln hinterfragen und sich fragen, was er verantworten will. Ein generelles Maß gibt es wahrscheinlich nicht.“

Wie beurteilen Sie den Tierschutz in Deutschland?

Marco Lenzen: „Tierschutz in Deutschland bleibt traurigerweise weit hinter dem leicht – und ohne Einbußen – Erreichbaren zurück. Und er ist, noch viel traurigerweise, einer der besten und in der Bevölkerung glücklicherweise tiefst-verwurzelten weltweit.“

Das Thema „mitgebrachte Hunde aus dem Süden“ wird kontrovers diskutiert. Die Meinung „Tierschutz hört nicht an der Grenze auf“, steht der Ansicht „man soll sich zuerst um die Vielzahl bedürftiger Tiere in Deutschland kümmern“ entgegen. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Marco Lenzen: „Diese Diskussion gibt es ja bei der Kinderhilfe auch. Wenn man leidenden Kindern in Afrika hilft, sagen manche: Gibt es nicht genügend leidende Kinder in Deutschland?

Hilft man Kindern in Deutschland, sagen andere: Den deutschen Kindern geht es teilweise wirklich sehr schlecht, aber sterben sie vor Hunger? ‚Die Ökonomie der Güte ist der Traum der verweigernden Utopisten‘, sagt Friedrich Nietzsche.

Nahezu alle meine Hunde stammen aus dem Süden: Lesia lag am Straßenrand, hatte Schusswunden und war mit w300 Zecken übersät. Sie hat nur noch schwach gehechelt, hätte ich sie liegen lassen sollen? Mischling Thio saß verstört neben der Leiche seines angefahrenen Bruders, Teddy sollte eingeschläfert werden, weil er den Besitzern lästig war. Ich persönlich könnte auch zukünftig keinem dieser Hunde Hilfe verweigern, nur weil sie nicht bestimmte Kriterien erfüllen, wie, sie saßen nicht in einem deutschen Tierheim, oder Ähnlichem. Hilf da, wo die Hilfe am wichtigsten ist, und / oder wo sie am nächsten gebraucht wird.

Diskutiere nicht, helfe konkret.“

Glauben Sie, dass es im Tierschutz viele „schwarze Schafe“ gibt?

Marco Lenzen: „In Judecca, dem tiefsten Punkt seiner Hölle, umgeben von vielen Ringen von zunehmend schrecklicheren Missetätern, stellte Dante die drei Verräter Cassius, Brutus und Judas Iskariot.

Tiefer könne man nicht sinken, böser könne man nicht mehr sein, dachte Dante.

Ich glaube, dass derjenige, der die Mildtätigkeit anderer ausnutzt, in die eisige Mitte dieser Hölle gehörte. Natürlich ironisch, bildlich formuliert. Missbrauch im Bereich gemeinnütziger Organisationen ist aber wirklich besonders widerlich.

Und trotzdem glaube ich, es gibt nur ganz wenige schwarze Schafe im Tierschutz – hoffe ich.“

Was würden Sie Tierfreunden empfehlen, wenn sie sich im Tierschutz engagieren möchten?

Marco Lenzen: „Machen, spenden, helfen. Anfangen, mitmachen. Nur nicht zu lange zerdenken.“

Wie beobachten Sie das Verhältnis, dass wir Menschen zu unseren Haustieren haben?

Marco Lenzen: „Unser Verhältnis zu den wenigen Tieren, die uns noch umgeben, ist nicht, wie häufig falsch interpretiert wird, zu stark vermenschlicht usw. Es ist nur ein schwaches, herübergerettetes, aus Jahrtausenden intensiven emotionalen Zusammenlebens und ein schwacher Rest des archetypischen Glücks des umfassenden Miteinanders.“

Sind Sie jetzt glücklicher als in Ihrem früheren Leben?

Marco Lenzen: „Ja. Sehr.“

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 2/2012
Marco Lenzen, Gründer der Tierklinik LESIA, Fotos: LESIA Klinik, www.lesia.de

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Ein Kommentar zu Zwischen Tierklinik und Hunderudel – Interview mit Marco Lenzen

  1. Rolf Weyerbrock sagt:

    Hallo Zusammen,
    ich hatte das große Glück, Herrn Marco Lenzen persönlich kennenzulernen.
    Er gab einem schon nach wenigen Augenblicken das Gefühl ihn schon immer gekannt zu haben. Ein sehr empathischer Mensch mit einer unendlichen Liebe zu Tieren und Menschen. Herr Lenzen stellt seine Arbeit deutlich über seine eigene Gesundheit und findet kein Ende denen zu helfen, die wirklich Hilfe benötigen. Auch Frau Lenzen und die Tochter durfte ich kennenlernen. Bei den beiden Damen fand ich die gleiche Leidenschaft für Tiere vor.
    Es war mir immer eine große Freude mit einem dieser phantastischen Menschen zusammen zu kommen.
    Mit den allerbesten Wünschen an Familie Lenzen, Rolf Weyerbrock

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