Können auch Hunde unter Depressionen leiden?

Hund liegend im GrasAn der Krankheit „Depression“ leiden nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ca. 200 Millionen Menschen weltweit. Wie ist das eigentlich bei Hunden? Gibt es depressive Hunde? Nach Studien von Seligman und Hiroto in den 1960er Jahren ist die Frage eindeutig mit Ja zu beantworten. Außerdem findet sich der Begriff Depression häufig bei der Beschreibung von Symptomen in tierärztlichen Krankengeschichten von Hunden.

Was früher in Frage gestellt wurde, gilt heute als gegeben: Tiere haben Gefühle. Zahllose Studien beweisen dies, die eigene Erfahrung zeigt es. Das Vorhandensein von Gefühlen bedeutet aber auch die Möglichkeit der Existenz psychischer Erkrankungen bei Tieren, die ja direkt oder indirekt mit Gefühlen in Verbindung stehen. Verliert bspw. ein Hund Bezugsperson oder Partnertier, oder lebt er in einem isolierten und freudlosen Umfeld, so wird häufig behauptet, er sei depressiv.

Symptome und Diagnostik von Depressionen

Während depressive Verstimmtheit eine normale Reaktion auf traurige Ereignisse ist, liegt bei dem krankhaften Zustand, einer sog. endogenen Depression, ein gestörter Gehirnstoffwechsel vor. Es besteht ein Mangel an Botenstoffen, sog. Transmittern, die für den Austausch von Informationen zwischen den Zellen der unterschiedlichen Gehirnregionen zuständig sind. Die bekanntesten sind Serotonin und Noradrenalin. Ein Mangel dieser Substanzen bewirkt u. a. eine Veränderung des eigenen Antriebs, des Schlafverhaltens, des Denkens oder auch des Selbstwertgefühls. Die vielfältigen Symptome haben eines gemeinsam: den dauerhaften Verlust positiver Gefühle. Folgen davon sind beispielsweise Niedergeschlagenheit, Schlaflosigkeit, Verlust von Interesse oder Vergnügen, Lethargie, Konzentrationsstörungen, abnormes Appetitverhalten, das Gefühl von Wertlosigkeit und/oder von Schuld, sozialer Rückzug usw. Ob depressive Verstimmung, Anpassungsstörung oder echte Depression ist nicht leicht zu diagnostizieren. Im Bereich der psychologischen Humandiagnostik ist das direkte Patientengespräch ein wichtiger Anhaltspunkt. Bei Hunden fällt die verbale Kommunikation hingegen völlig weg. Es bleiben ausschließlich die Verhaltensanalyse sowie die Beobachtung von Mimik und Körpersprache des Tieres, um die Verdachtsdiagnose zu bestätigen oder zu verneinen.

Anamnese und Beobachtung

Um zu einer sicheren Diagnose zu gelangen, bedarf es der genauen Analyse der Vorgeschichte (Anamnese) des hundlichen Patienten und einer gewissen Beobachtungszeit des Tieres. Hier werden insbesondere Aktivitätsniveau, Schlaf-Wach-Rhythmus unter Einbeziehung der biologischen Gegebenheiten (z. B. Dämmerungsjäger) und eigeninitiiertes Verhalten des Tieres berücksichtigt. Sehr aussagekräftig für den geübten Beobachter sind auch die Körperhaltung, -spannung sowie die Mimik. Beispiele für Beurteilungen von Symptomen sind:

  • Ist der Gang des Hundes elastisch oder schlurfend?
  • Läuft er unmotiviert hinter seinem Halter her?Ist er an der Umgebung interessiert?
  • Lässt der Hund den Kopf und – rasseabhängig – die Rute, abweichend vom Normalzustand, häufig hängen?
  • Ist die Kopfbewegung zusätzlich eingeschränkt?
  • Liegt insgesamt eine sehr sparsame, wie teilnahmslos wirkende Mimik vor?
  • Reagiert der Hund auf Geräusche mit Ohrenbewegung und folgt danach eine Kopfbewegung in Richtung zur Geräuschquelle?
  • Zeigt der Hund Unmutsäußerungen wie Knurren bei Provokationen, oder lässt er alles über sich ergehen?
  • Ist der Blick eher „leer“ oder aufmerksam?
  • Hechelt das Tier schneller, wenn es motiviert wird (z. B. im Spiel), oder bleibt die Atemfrequenz immer gleich langsam?
  • Reagiert es auf Ansprache? Lässt es sich motivieren?

Aus der Beurteilung von Vorhandensein, Anzahl und Qualität der einzelnen Symptome kann dann von fachkundiger Seite die Diagnose „Depression“ gestellt werden.

Depression nur unter menschlicher Obhut?

Während Anzeichen depressiven Verhaltens bei in menschlicher Obhut lebenden Hunden in vielen tierärztlichen Krankengeschichten beschrieben wurden (bspw. Mellanby 2005, J. Klukowska-Rötzler, Salvadori 2007), gibt die Biologie freilebenden Tieren Grenzen für diese Erkrankung vor. Denn von einer Depression in der aktuellen Klassifikation psychischer Störungen lt. WHO (ICD-10) wird dann gesprochen, wenn ein „negativer Gefühlszustand“ mindestens zwei Wochen andauert. Wenn sich allerdings ein Tier in freier Wildbahn zwei Wochen lang nicht aktiv um seine Lebensgestaltung (Nahrungssuche, Revierverteidigung, Körperpflege, Aktivitätsniveau etc.) kümmern würde, hätte es eine nur sehr geringe Überlebenschance.

Bei einem Haushund würde ein Überleben hingegen meist gesichert sein. Er wird regelmäßig gefüttert, die Revierverteidigung tritt für ihn in den Hintergrund und die Körperpflege wird vom Menschen übernommen. Somit drängt sich fast der Gedanke auf, dass nur in menschlicher Obhut lebende Hunde sich ein depressives Verhalten „leisten“ können.

Durch den Tod eines Lebenspartners kommt es zu einer um 27 % erhöhten Sterblichkeit des trauernden Menschen (Hart 2007). Warum sollten also nicht auch Hunde aus diesem Grund depressiv werden können? Was aber ist der Auslöser, wenn sich das Umfeld des Hundes nicht auf den ersten Blick erkennbar verändert hat, der Hund aber trotzdem depressive Symptome aufweist? Können sich negative Stimmungen des menschlichen Bezugspartners derart auf das Verhalten des Hundes auswirken? Auf diese spannenden Fragen gibt es bislang noch keine wissenschaftlich belegten Antworten.

Natürlich gibt es auch diverse organische Erkrankungen, die für „depressives Verhalten“ ursächlich sein können und veterinärmedizinisch vorab abgeklärt werden müssen.

Therapeutische Ansätze

Wie geht man am besten mit einem depressiven Hund um? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Im akuten Stadium ist eine medikamentöse und ergänzend eine psychologische Arbeit erforderlich. Ziel ist es, dem Hund erst einmal wieder Ruhe und eine Linderung der Symptome zu verschaffen. Im zweiten Stadium der Therapie soll über eine Aktivierung (unter Umständen noch medikamentenunterstützt) mittelfristig die Stimmung des Tieres aufgehellt und wieder ein Leuchten in die traurigen Hundeaugen gebracht werden. Langfristig soll das Tier wieder ein gesunder und glücklicher Hund sein, der keine Rückfälle erleidet.

Therapie der Depression aus tierpsychologischer Sicht

Das Therapiekonzept muss sich hierbei an der Ausprägung der Erkrankung orientieren. Zeigen sich die Symptome eher von körperlicher oder von seelischer Art? Auch wenn die differentialdiagnostische Klassifizierung sehr schwierig ist, so ist sie immens wichtig, um eine adäquate Therapie erstellen zu können. Teil einer solchen Therapie ist bspw. die Aktivierung des Hundes durch Parcourslaufen oder Spaziergänge mit „Erlebnisfaktor“. Wichtig dabei ist, die Schwere der Aufgaben zu steigern. Auch beim kleinsten Erfolg wird der Hund sofort gelobt, was zum Aufbau von Selbstwertgefühl und -vertrauen beiträgt. Empfehlenswert ist es, dass sich das Tier bewegt, denn in vielen wissenschaftlichen Studien im Humanbereich wurde die positive Wirkung von Sport und Bewegung bei Depressionen bestätigt (Schwenkmezger 1998).

Depressive Hunde „kleben“ gerne an einem Ort. Daher ist es wichtig, positive Umstände zu schaffen. Viel Tages- bzw. Sonnenlicht, eine Umgebung, die fördert und interessiert, ohne zu überfordern, sind dabei notwendig. Die Hunde benötigen viel Zuwendung, aber kein Verhätscheln. Eine Möglichkeit ist ausgiebig Bürsten zweimal am Tag, ohne Ablenkung wie Fernsehen oder Radio. Der Hund sollte bestärkt und viel gelobt sowie bei Aktivitäten angespornt werden.

Medikamentöse Therapie der Depression

In der medikamentösen Therapie der Depression gibt es unterschiedliche Wirkstoffe. Ihre korrekte Auswahl ist nur durch den Tierarzt möglich!

  1. Tricyklische Antidepressiva (bspw. Clomipramin) beinhalten verschiedene Substanzgruppen, die stimmungsstabilisierend, teilweise angstlösend und unterschiedlich stark stimulierend auf die Psychomotorik wirken sollen. Zu Beginn der Therapie können sie allerdings dämpfend wirken. Das bessert sich aber im weiteren Verlauf deutlich. Als Nebenwirkung können sowohl schwächerer als auch gesteigerter Appetit auftreten.
  2. MAO-Hemmer: MAO, Monoaminoxidase, ist ein Enzym, welches den Abbau von Noradrenalin und Serotonin fördert. MAO-Hemmer (Selegilin u.a.) hemmen die Enzymwirkung und verlangsamen dadurch deren Abbau im Gehirn. Diese Substanzgruppe wirkt somit stimmungsaufhellend, antriebssteigernd und wird zudem auch bei diversen neurodegenerativen Erkrankungen und Störungen von Wahrnehmung und Umsetzung (Psychomotorik) bei alten und alternden Hunden eingesetzt.
  3. SSRI – Selektive Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer (wie Fluoxetin u.a.) führen zu einer Erhöhung des Serotonins in den Spalten zwischen den Nervenzellen. Zudem bewirken sie auch eine verstärkte Produktion und haben somit einen stimmungsaufhellenden und angstlösenden Effekt sowie eine psychomotorische Aktivierung. Dieses Medikament kann zu einer Hyperaktivität oder auch zu Müdigkeit und Ängstlichkeit führen. Störungen im Magen-Darm-Trakt werden auch als Nebenwirkungen genannt.
  4. Selektive Anxiolytika (Tranquillizer) wirken angstlösend. Es gibt darunter auch eine Substanz, die nicht bewusstseinsdämpfend wirken soll.
  5. Alternative Methoden: In der Behandlung der Depression kommt auch der Einsatz von Johanniskrautpräparaten in Frage, welchen ein ähnlicher Effekt wie MAO-Hemmern bescheinigt wird. Das richtige Johanniskrautpräparat in der optimalen Dosierung kann nur ein Tierarzt verordnen. Auch auf homöopathischer und naturheilkundlicher Ebene werden Therapie begleitende Erfolge erzielt.

Begleitend zu diesen Maßnahmen werden oft auch spezielle Pheromonzerstäuber verwendet, die über einen Zeitraum von bis zu 16 Wochen angstlösend und stressabbauend wirken sollen. Eine Wirkung auf depressive Hunde wurde bisher nicht nachgewiesen.

Das Tier sollte mit seiner Erkrankung ernst genommen werden. Es können gerade in der ersten Zeit der Therapie immer Rückfälle vorkommen. Genaues Beobachten ist deshalb wichtig, denn so können die Auslöser von Symptomen relativ schnell erkannt und mit gezieltem Training entschärft werden, ähnlich der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) beim Menschen. Wichtig ist immer eine Analyse der Situation und des Umfelds. Zeigt der Hund z. B. immer zum Winter hin eine gewisse „Trägheit“, verhält sich anscheinend „depressiv“, liegt das vielleicht daran, dass er in der dunkleren Jahreszeit weniger Freilauf hat. Hier wäre eine Ausweitung der Spaziergänge im Tageslicht eine Lösung. Das „Wie“ der Hilfe ist immer individuell auf Mensch und Tier sowie die Lebensumstände abzustimmen.

Therapiekonzept aus tiermedizinischer Sicht: Antidepressiva

Der Tierarzt versucht durch den Einsatz eines Antidepressivums die gestörte Übertragung bzw. Konzentration von Botenstoffen im Gehirn der Hunde wieder in die richtige Balance zu bringen. Nur so kann die Erregungsübertragung der Nervenzellen wieder einwandfrei funktionieren. Das optimal wirkende Medikament hierfür herauszufiltern, ist schwierig und ein „Try and Error“-Spiel. Der korrekte Umgang und die Erfahrung des Tierarztes mit diesen Medikamenten sind für einen potenziellen Erfolg der Behandlung entscheidend. Die Medikamente müssen über einen längeren Zeitraum verabreicht werden, denn die Wirkung selbst setzt erst nach 1-4 Wochen ein, je nach Medikament und Hund. Dies erfordert die Geduld des Hundebesitzers! Die Medikamente dürfen nicht eigenmächtig kombiniert und nur in Absprache mit dem Tierarzt abgesetzt oder umdosiert werden. Sonst können unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen auftreten (siehe Seite 14). Alle Antidepressiva sollten immer begleitend mit einem Verhaltenstraining und Änderungen der Haltungsbedingungen angewendet werden.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 3/2010
Beitrag: Jörg Tschentscher & Kerstin Konopa, hundesprache.net, Foto: Janne Beuter

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