Irrtümer in der Hundeerziehung und ihre fatalen Folgen

Wie zäher Schneckenschleim halten sich in der Hundeerziehung zahlreiche Mythen und Irrtümer, die so mancher Hundehalter immer noch für wahr hält. Fakt ist aber, nur weil veralterte Erziehungsmethoden und deren ursprüngliche Annahmen auch die neuesten kynologischen Erkenntnisse überdauern, sind sie noch lange nicht richtig. Mehr noch: bei Anwendung haben sie gegebenenfalls fatale Folgen für Zwei- & Vierbeiner.

Der Hund hat sich unterzuordnen und zu funktionieren

Hunde sind sehr intelligente und soziale Tiere. Sie erwarten von ihren tierischen Rudelführern ein souveränes, kluges und gerechtes Verhalten und merken sofort, wenn ihren Menschen diese Eigenschaften fehlen. Außerdem können Hunde nur dann wirklich Vertrauen zum Menschen fassen, wenn der ihr angeborenes und instinktives Verhalten versteht. Reagiert der Mensch unsicher, nicht eindeutig, unverhältnismäßig grob, herrisch und unberechenbar, ist der Hund verstört und reagiert ängstlich, abwehrend und kann sogar aggressiv werden. Hunde brauchen zwar Grenzen und Regeln, aber keine physische und psychische Härte. Ihr Herz und ihren Gehorsam gewinnt man nur, wenn man mit dem Hund arbeitet und nicht gegen ihn.

Hunde regeln Konflikte von allein, da soll sich der Mensch nicht einmischen

Natürlich regeln Hunde Konflikte allein, wenn man sie lässt. Das heiß aber auch, dass das unter Umständen für einen der Kontrahenten tödlich ausgeht. Der Spruch: „Die regeln das schon unter sich“ ist demnach falsch, denn es impliziert die Annahme, dass damit immer eine aggressionsfreie Konfliktlösung durch die Hunde gefunden wird. Der Mensch als Rudelführer hat bei jeder Hundebegegnung die Verantwortung, eine blutige Eskalation möglicher Konflikte zu vermeiden und rechtzeitig einzugreifen. Ein Rudelführer bestimmt eben auch, mit wem, wann und wie weit eine Auseinandersetzung geht.

Junge Hunde haben Welpenschutz

Dem generellen Welpenschutz, wie immer noch viele Hundebesitzer glauben, gibt es nicht. Welpen stellen für erwachsene, sozial erfahrene Hunde in der Regel keine Konkurrenz dar. Sie beanspruchen noch kein Territorium, sind sexuell nicht ausgereift und streben sozial meist noch nicht nach Höherem. Entsprechend gelassen begegnen sie dem Welpen.

Die starke Zurückhaltung bei Sanktionierungen für Fehlverhalten des kleinen Hundes beschränkt sich aber in erster Linie auf die Elterntiere und die Mitglieder innerhalb desselben Rudels. Generell ist es für Hunde aber unnatürlich, Verständnis für fremde Welpen zu zeigen. Deshalb sollte immer genau darauf geachtet werden, wie Welpen sich anderen Hunden gegenüber benehmen (und umgekehrt!) und gegebenenfalls die Hundebegegnung beendet werden, bevor es zu brenzligen Situationen kommt. So kann man dem Welpen prägende Negativerlebnisse ersparen.

Ein dominanter Hund ist ein gefährlicher Hund

Ein „dominanter“ Hund ist im Umgang mit anderen Hunden ein sehr souveräner Hund und hat es nicht nötig, andere ständig herauszufordern oder unterzubuttern. Dominieren heißt ordnen. Ein wirklich dominanter Hund hält sich in einer Gruppe auf ohne weitere Konflikte heraufzubeschwören, und zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr tolerant sowie ausgeglichen ist und weder mit anderen Hunden noch mit Menschen Stress hat.

Die Hunde aber, die Menschen oft als „dominant“ bezeichnen, sind zumeist sehr unsicher, überfordert und stehen unter Stress – oft durch falsche Erziehungsmethoden und fehlende Führung ihres Menschen. Sie verteidigen beispielsweise ihre Ressourcen (Frauchen, den Ball, den Knochen) und müssen ständig ihre Position verteidigen. Erkennt dass der Mensch nicht, sind Konflikte mit Artgenossen und Menschen vorprogrammiert.

Wenn der Hund einen Garten hat, braucht er nicht spazieren zu gehen

Ein Garten ist sehr praktisch und hervorragend geeignet, um dem Hund mit ungestörtem Such- oder Ballspielen zusätzlich auszulasten. Er ist aber kein Ersatz für das tägliche Spazierengehen. Hunde brauchen abwechselnde Umweltreize für Nase, Ohren und Augen, sowie den Kontakt zu Artgenossen, sofern sie sozial verträglich sind. Darüber hinaus braucht der Körper des Hundes Bewegung, um gesund zu bleiben. Außerdem muss sich der Mensch mit seinem Hund beschäftigen, nur die Tür zum Garten aufzumachen und zu glauben, dass der Hund sich ja bewegen könne, wenn er wollte, reicht nicht und entspricht keiner tiergerechten Hundehaltung.

Stachel- & Würgehalsbänder halten den Hund vom Ziehen an der Leine ab

In erster Linie fügen diese Art von Halsbändern dem Hund Schmerzen zu. Zieht der Hund an der Leine, graben sich entweder Metallstacheln in seinen Hals oder es wird ihm die Luft abgeschnürt. Junge Hunde ziehen meist, wenn sie einen Artgenossen sehen oder wenn sie Angst vor einem unbekannten Objekt oder Umweltreiz haben. Wenn sie also Schmerz und Atemnot immer mit einem Artgenossen oder Angstempfinden verknüpfen, kann das langfristig nur ein problematisches Hundeverhalten erzeugen. Erst kommt das Meideverhalten, weil sie dem Schmerz aus dem Weg gehen wollen. Jetzt ziehen die Hunde kurzfristig nicht mehr an der Leine, zeigen aber zumeist aggressives Verhalten Artgenossen gegenüber und sind überhaupt nicht umweltsicher, weil auch Fluchtverhalten regelmäßig zu Schmerzen geführt hat. Dann haben sie sich an den Schmerz gewöhnt und ziehen wieder an der Leine. Leinenführigkeit erzielt man nur mit gewaltfreier Methodik und Geduld.

Der Hund weiß genau, wenn er was angestellt hat

Hunde haben kein schlechtes Gewissen. Diese bewusste Gehirnleistung können sie nicht erbringen und vor allem nicht in Bezug stellen zu einer längst vergangenen Handlung. Hunde zeigen Unterwürfigkeitsgesten und Beschwichtigungssignale lediglich aufgrund der Stimme und Körpersprache ihres Menschen. Unter die Mythen und Irrtümer in der Hundeerziehung fallen nach wie vor auch solche Aussagen, wie ein Welpe müsse mit der Nase in den Urin gedrückt werden, damit er stubenrein wird; Angst bei Hunden müsse man ignorieren; hört der Hund nicht, wirft man am besten Gegenstände nach ihm und und und. Wer sicher seine möchte, dass er nicht längst überholten und Ansätzen von „Möchtegern-Hundeverstehern“ aufsitzt, der sollte sich seine individuellen Fragen von einem kompetenten Hundetrainer ausführlich beantworten lassen.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 1-2/2013
Beitrag: Burga Torges, Hundetrainerin, www.hundeart.com
Foto: fotolia

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6 Antworten zu Irrtümer in der Hundeerziehung und ihre fatalen Folgen

  1. Detlef Grein sagt:

    Zum Glück ist das hier nicht das „dogs“-Magazin. Denn sonst gäbe es diesen Beitrag sicher nicht. Die halten ja lieber zu Herrn „mit der Schüssel zuschlage“ G.

    Danke für dieses Aufräumen mit den ewig gestrigen Märchen.

  2. Heike K. sagt:

    das ist ja mal ein netter Bericht und bringt mich zum schmunzeln …
    Vielleicht rüttelt es den einen oder anderen wach und so manch selbst ernannte Hundeschule hält sich mal an so etwas, denn da wird immer etwas anderes gepredigt! Ich habe 3 Hundeschulen ausprobiert und jeder, aber wirklich jeder, hat mir etwas anderes erzählt – und jeder meinte, was er mir sagt ist der Nabel der Welt! tztz….

  3. Klaus sagt:

    Eine schöne Liste die man noch ziemlich lange erweitern kann
    z.B. um
    – der will doch nur spielen
    – der tut nix
    – der hat noch nie gebissen
    etc.

    Gruss Klaus

  4. Anja Thieme sagt:

    … sehr spannend und in etwa das, was mir mein Lebensgefährte über unsere neue Freundin erklärt hat. 🙂
    Mir fehlen hier aber Verweise und Angaben wie man es besser machen kann! „Mit dem Hund arbeiten“ ist eine sehr vage Aussage, vor allem für Hundeanfänger und nützt dem Besitzer eines Kläffers, Bespringers oder Schnappers so gut wie nichts. Wie lautet also Fazit und Rat? Unser eigener Hund ließ sich bisher sehr gut mit Belohnung, Lob und nachdrücklicher Gestik/Mimik/konsequenten Kommandos lehren -allerdings ist sie auch ein Mix aus Hunden, die sehr menschenbezogen und rudelgefällig sind, obendrein gelehrig und wachsam und überdurchschnittlich intelligent und durch ihre Straßenhundgeschichte z.B. mit Lärm, Menschen, Hunden erfahrungsreich und stresserprobt. Das spielt auch eine Rolle.

    • Akademie für Tierheilkunde sagt:

      Sehr geehrte Frau Thieme,

      ich finden den Artikel, so wie er geschrieben ist sehr gut und schon mal hilfreich für die, die an diese alten Irrtümer weiterhin festhalten.

      In einem solchen Artikel jedoch Vorgehensweisen und individuelle Erziehungspläne zu erwarten, halte ich für unrealistisch.
      Das Thema Verhalten, Erziehung ist sehr umfassend und nicht mit 2 Worten erledigt.
      Es gibt leider kein Geheimrezept, das auf alle Hunde passt.
      Dafür gibt es Hundeschulen und Verhaltenstherapeuten, die einen gezielten Plan erarbeiten, NACHDEM sie den einen speziellen Hund gesehen und beurteilt haben.

      Hätte der Autor hier allgemeine „Erziehungsrezepte“ gegeben, wäre der Artikel nur halb so glaubwürdig.

      herzliche Grüße

      Rachel Woelki
      Akademie für Tierheilkunde

  5. Jane sagt:

    Insgesamt ein sehr guter Artikel, danke dafür!

    Mich wundert es aber, mit welcher Selbstverständlichkeit immer behauptet wird, dass Hunde kein schlechtes Gewissen haben können.
    In der Wissenschaft gibt es dazu nur ein paar wenige Tests, bei denen sogar die ForscherInnen selbst sagen, dass der Versuchsaufbau eventuell nicht optimal war. Auf jeden Fall muss in die Richtung erst viel intensiver nachgeforscht werden.
    Bei meiner Hündin zB bin ich mir sicher, dass sie ein schlechtes Gewissen hat/haben kann. Sie zeigt es nämlich nur dann, wenn sie bei einer Hausregel die Grenze übertreten hat. Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass ich sie ermahnt habe, obwohl sie nichts angestellt hat – dabei ist ihre Reaktion ganz anders, als wenn sie tatsächlich eine Regel gebrochen hat. Einmal reagiert sie leicht beschwichtigend und kommt zu mir, hab ich sie in jedoch unfair behandelt, dann sieht sie mich nur mit einem starren Blick ohne beschwichtigende Gesten an und geht dann in ein anderes Zimmer.
    Allerdings passiert dies in einem kurzen Zeitrahmen, bei länger zurückliegenden Sachen wird auch sie keine Verbindung zu ihrem eigenen Verhalten mehr herstellen können.
    Mein Rüde hingegen würde wie im Artikel beschrieben reagieren – der versucht so und so zu besänftigen, auch wenn er nichts gemacht hat.

    Auch wenn ich nun den Mythos des „schlechten Gewissens“ verteidigt habe – damit möchte ich trotzdem kein strafbasiertes Training rechtfertigen. Dem Hund beizubringen, was ich statt seines gezeigten Verhaltens von ihm möchte/verlange, damit er eine Chance hat, etwas richtig zu machen, ist Basis jeden guten Trainings.

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