Sind Schäferhundvereine immer noch so schlecht wie ihr Ruf?

Schäferhunde sind mit die niedlichsten unter den Hundewelpen. Wer das Wesen dieser Hunde kennt weiß, dass sie sehr menschengebunden, kinderlieb, treu, wachsam, gelehrig, mutig und ausdauernd sind. Darüber hinaus haben sie einen ausgeprägten „will to please“ – den Willen, seinem Menschen zu gefallen. Eigenschaften, die sich viele Hundehalter von ihrem Vierbeiner wünschen. Aber Vorsicht, denn gerät ein Schäferhund in falsche Hände, ist er auch genau wegen dieser Charaktereigenschaften kaum noch zu bändigen. Schäferhunde werden immer häufiger von ihren Besitzern abgegeben oder auch immer noch mit veralteten und fragwürdigen Erziehungsmethoden behandelt. Warum das so ist, und welcher Umgang den Deutschen Schäferhund zu einem sanften und ausgeglichenen Beglei- ter macht, haben wir das Team der Deutscher Schäferhund Nothilfe e.V. (DSHN), Heidrun Osietzki und Gabi Schmitt, gefragt.

Warum werden so viele Schäferhunde wieder abgegeben?

Heidrun: „Ob Scheidung, neuer Job oder die persönliche Situation. Der Hauptgrund ist meiner Erfahrung nach aber die Tatsache, dass sich Menschen einen Hund anschaffen, ohne darüber nachzudenken, dass sie damit mindestens für die nächsten 10 Jahre für das Tier verantwortlich sind. Viele Halter können oder wollen dem Hund in einer veränderten Lebenssituation nicht mehr gerecht werden und lasten ihn nicht genügend aus. Hinzu kommt die fehlende „Führungskompetenz“. Beides verträgt der Schäferhund überhaupt nicht und entwickelt sich dann schnell zum bellenden oder bissigen „Problemhund“. Denn ein Schäferhund möchte arbeiten und braucht klare Grenzen. Fordern die Hunde dann mehr als die Gassirunde um`s Haus, werden sie anstrengend und müssen weg.“

Gabi: „Für den Leistungsbereich Hundesport werden die Tiere immer stärker auf Trieb gezüchtet. Nicht selten hat der Hundesportler dann Probleme mit der Triebigkeit, unter welcher die Führigkeit des Hundes leidet. Dann wird der Hund mit allen möglichen harten Hilfsmitteln „platt“ gemacht und arbeitet nun gar nicht mehr zufriedenstellend. Also wird er abgegeben. Landet dieser Hund anschließend in einer unerfahrenen Familie, wird er nicht ausreichend beschäftigt und der Mensch ist schnell mit ihm überfordert.“

Heidrun: „Wir erleben aber auch unglaubliche Fälle. Beispielsweise wurde ein magerer Rüde abgegeben, der ausschließlich im Zwinger lebte. Seine Menschen gaben ihm immer weniger Futter, weil sie die Kothaufen nicht entfernen mochten – dies war auch der Abgabegrund. Oder wir bekamen einen Anruf, dass eine 6 Monate alte Hündin „heute noch“ ihr Zuhause verlassen müsse – sonst würde sie sterben. Sie war den 5. Tag bei den Menschen. Abgabegrund war ihr Bellen. Dass ein Tier erst einmal Vertrauen fassen muss, und nicht sofort „funktionieren“ kann, das geht in viele Köpfe nicht hinein. Wir fanden erst nach 6 Stunden einen Übernahmeplatz. Sofort riefen wir an, doch die Hündin war schon tot. Wir waren zu langsam und wurden noch ausgelacht. Natürlich gibt es auch andere Fälle, wie der von Rico. Die Besitzer baten uns um Hilfe. Rico war von Beginn an schlecht handhabbar. Seine Besitzer haben viel versucht und waren kreuzunglücklich, dass sie ihm anscheinend nicht gerecht werden konnten. Sie erkundigen sich immer noch nach ihm und sind mittlerweile froh zu wissen, dass sie keine „Schuld“ hatten. Denn durch Besitzer weiterer Hunde von Ricos Züchterin wissen wir, dass diese Hunde am so genannten Kaspar Hauser Syndrom/ Deprivationssyndrom leiden. So nennt man die Summe aller Schädigungen durch Vernachlässigung. Das lässt darauf schließen, dass sie unter anderem in kompletter Isolation gehalten wurden, bevor sie zu ihren Besitzern kamen.“

Was wird bei der Erziehung von Schäferhunden am häufigsten falsch gemacht?

Heidrun: „Erziehung bedeutet geduldiges, aber auch konsequentes und durchdachtes Einwirken auf den Hund, bei dem mit dem Hund zusammen gearbeitet und gefördert wird, was beiden Spaß macht. Es muss im Team Mensch/Hund eine Vertrauensbasis geschaffen werden. Das passiert weder durch Strafen, noch durch permanente Leckerlies oder Wattebauschwerfen, sondern nur durch positive Bestärkung. Viele Menschen finden das Mittelmaß nicht.“

Gabi: „Auch wenn so manches beim kleinen Hund noch knuffig ist. Der Vierbeiner ist sehr gelehrig und verinnerlicht für die Zukunft nur die Vorteile, die er für sich erobert hat – zum Nachsehen des Menschenrudels. Auch die Annahme, Tierheimhunde werden sich aus purer Dankbarkeit kaum daneben benehmen, ist falsch. Hunde kennen das Wort Dankbarkeit nicht und werten alles, was an Erziehung versäumt wird, als Freiraum für sich.“

Warum halten sich veralterte Erziehungsansätze gerade bei Boxer- und Schäferhund-Vereinen am hartnäckigsten?

Heidrun: „Ein Grund für die alten Methoden ist, dass der Hund schneller funktioniert, schneller Prüfungen ablegt – also auch schneller zur Zucht „verwendet“ werden kann. Wobei das für mich Drill ist und das Tier nur funktioniert, weil es gebrochen wurde. Glücklicherweise gibt es schon viele Vereine, die nach neuen Methoden arbeiten, und irgendwann werden die „alten“ Weisheiten keine mehr sein – weil es auf Turnieren ersichtlich ist, welchem Tier die Arbeit Freude macht. Bei Begleithundeprüfungen werden heute schon auf vielen Plätzen Hunde, die extrem reagieren, weil die Erziehung eben extrem war, nicht zur Prüfung zugelassen.“

Gabi: „Die Erziehungsmethoden halten sich wohl dort am längsten, wo noch viele alte Hundesportler mit von der Partie sind und den Ton angeben. Viele der jungen haben aber umgestellt, trainieren über Futter, Bällchen, klickern und erreichen auch so gute Erfolge im Sport.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Deutschen Schäferhundes?

Heidrun: „Wünschenswert wären weitere Pflegestellen für DSH. Außerdem eine Ausbildung nach Stärke des Hundes. Denn nicht jeder Mensch hat Abitur und nicht jeder Hund kann in der obersten Liga spielen.“

Gabi: „Ich wünsche mir, dass man aufhört „tiefergelegt“ zu züchten und bei den Leistungszuchten weniger Wert auf Trieb legt, weil damit oftmals für vollkommen überdrehte Nachzucht gesorgt wird. Man sollte darauf achten, dass ein sehr triebiger Hund mit einem sehr führigen, ausgeglichenen Hund Nachkommen bekommt.“

Deutscher Schäferhund Nothilfe e. V., Telefon: 0621 – 702 74 83, www.dsh-nothilfe.de, E-Mail:info@dshn.de

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 1-2/2013

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