„Meiner kann nicht mit Jedem…“

"Meiner kann nicht mit Jedem..."Nicht alle Hunde sind verträglich mit ihren Artgenossen. Manche Rüden können nicht mit intakten, die anderen mit gar keinem Rüden. Die einen mögen nur Welpen und Junghunde nicht, weil die wild umherhummeln und sich nicht ordnungsgemäß durchschnüffeln lassen. Die eine Dame mag Rüden, aber Hündinnen nicht. Oder ein Hund entscheidet grundsätzlich nur nach Sympathie, ohne ein „Abneigungsmuster“ erkennen zu lassen.

Schnell sind sich Hundebesitzer sicher: „Meiner kann nicht mit Jedem…!“ Muss er ja auch nicht, aber Herrchen und Frauchen sollten wissen, warum das so ist und vor Allem, was zu tun ist, wenn Fiffi die „Werkzeuge wetzt“ und offensichtlich eine Unstimmigkeit, eine Klopperei oder sogar eine Beisserei in der Luft liegen.

Ursachen für Verhalten finden

Ursachen für Artgenossenunverträglichkeiten gibt es viele. Häufig gehen Menschen davon aus, sie basierten ausschließlich auf schlechten Erfahrungen des Hundes. Das trifft aber nur dann zu, wenn nach Beißvorfällen nicht mit den Hunden gearbeitet und somit einem bleibendem Verhaltensmuster entgegengesteuert wurde. Die meisten Unverträglichkeiten haben ihren Ursprung aber in fehlender oder mangelhafter Sozialisation in den ersten Lebenswochen und im weiteren Verlauf des jungen Hundelebens sowie im mangelnden Führungsverhalten seines Menschen. Manchmal spielen aber auch Hormon- und Testosteronspiegel des Hundes, oder auch Krankheiten, wie eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Rolle.

In vielen Fällen ist es von allem ein bisschen, und das wurde über einen längeren Zeitraum auch täglich „geübt“ – und zwar ohne korrigiert zu werden. Welche Ursache Unverträglichkeiten haben, muss deshalb zunächst unbedingt analysiert werden. Dieses Wissen ist entscheidend für mögliche Therapie- und Trainingswege.

Management

Unverträglichkeiten oder auch Verhaltensauffälligkeiten im Allgemeinen lassen sich nicht über Nacht korrigieren. Es ist deshalb wichtig, Alltag und Umwelt des Hundes möglichst so zu gestalten, dass andere Hunde und Menschen nicht zu Schaden kommen. Diese Maßnahmen dienen aber auch dazu, dass der Hund selbst nicht mehr dazu kommt, sein Verhalten zeigen zu müssen, da durch ein stetiges Wiederholen immer stärkere Verknüpfungen im Hirn des Hundes entstehen. Je länger und öfter er ein Verhalten ausführt, desto schwieriger wird es, ihm dieses wieder abzugewöhnen. Das Lernprinzip „Wiederholung & Verknüpfung“ dient in der Hundeerziehung dazu, dem Hund beständig ein erwünschtes Verhalten beizubringen.

Im negativen Fall funktioniert dieses Lernprinzip leider auch. Am Beispiel Artgenossenunverträglichkeit bedeutet das für den Alltag: ist die Ursache für das Verhalten des Hundes noch nicht bekannt und hat man kein Trainingskonzept, sollten Zusammentreffen von Hunden, die zu Leinenpöbeleien oder zu Auseinandersetzungen führen können, vermieden werden. Abstand halten ist wichtig, denn je größer der Abstand zu einem Hund ist, desto weniger fühlen sich die beiden Kontrahenten bedroht oder provoziert. Das ist in dicht besiedelten Gebieten natürlich nicht immer einfach. Auch weitere Maßnahmen können erforderlich sein, wie dem Hund beizubringen, einen Maulkorb zu akzeptieren. Denn damit sind andere Hunde zumindest vor Bissen geschützt und der Hund selbst kann keine Bisse ausführen. Ein Maulkorb entbindet den Halter aber nicht vor der Verantwortung, seinen Hund kontrolliert zu führen und zu vermeiden, dass andere Tiere attackiert werden. Auch ein aggressives, körperliches „Verprügeln“ kann bei einem anderen Hund körperlichen und psychischen Schaden anrichten.

Trainieren

Sind alle Maßnahmen im Alltag getroffen, kann mit der Ursachenforschung und im weiteren Verlauf mit dem Training begonnen werden. Je nachdem, welche Ursache die Artgenossenunverträglichkeit hat, bedarf es eines sehr kleinschrittigen und zumeist auch aufwändigen Trainings. Neben der Überprüfung der Hund-Halter-Beziehung sowie dem Ausmaß an Auslastung und Beschäftigung stehen dann zunächst der Aufbau von Abbruchsignalen und Alternativverhalten auf dem Programm. Denn erst wenn diese Bereiche optimiert sind und eine klare Kommunikation zwischen Hund und Halter besteht, kann die eigentliche Aufgabe – die Artgenossenunverträglichkeit – angegangen werden. Hier sind eine einfühlsame und kleinschrittige Kombination von Desensibilisierung und Gewöhnung, verschiedenen Konditionierungsformen sowie positive Verstärkung von erwünschtem Verhalten anzuwenden. Und zwar immer individuell auf den Hund und auf das jeweilige Ausmaß der Verhaltensauffälligkeit abgestimmt, denn jeder Hund und jeder Mensch ist anders, deshalb wirkt hier (und in der Hundeerziehung grundsätzlich) keine pauschale Vorgehensweise. Nur so können Erfolge erzielt und dem Hund kann geholfen werden.

Allerdings gibt es auch Hunde, die trotz der Bemühungen ihrer Besitzer und einem effektiven Training auf einen Teil oder generell auf ihre Artgenossen verzichten können. Das kann verschiedene Gründe haben, die akzeptiert werden müssen. Auch diese Hunde sind glückliche Hunde und müssen letztlich nicht mit exzessivem Training zu etwas gedrillt werden, was sie nicht leisten können. Natürlich müssen unverträgliche Hunde einen absolut verlässlichen Gehorsam haben, umsichtiges Alltagsmanagement sowie vorausschauendes Gassi gehen ist aber ebenso wichtig.

Und noch eines: diese Mensch-Hunde-Teams bedürfen der Rücksichtnahme aller Hundebesitzer, besonders von der „Meiner macht nichts!“-Fraktion. Denn verantwortungsvolle Halter von unverträglichen Hunden gehen zumeist angeleint spazieren oder rufen ihre Hunde bei Sicht eines freilaufenden Hundes sofort ab. Mehr können und müssen sie auch nicht tun, um andere Vierbeiner zu schützen. Um also Beißereien zu vermeiden, bedeutet das in logischer Konsequenz, dass alle anderen Hundebesitzer ihre Hunde auch zu sich rufen, ggf. anleinen, aber zumindest ohne Kontakt an den Hunden vorbeiführen. Dazu sollte jeder Hundebesitzer in der Lage sein.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 2/2016
Beitrag: Burga Torges, Hundetrainerin, www.hundeart.com

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1 Response to „Meiner kann nicht mit Jedem…“

  1. Joe Rahn sagt:

    Absolut korrekt. Die weit verbreitete Meinung, Hunde müssen mit anderen Hunden klarkommen, das können die ja von Geburt an sind in der Lage das selber zu regeln und das müssen die auch, sonst lernen sie ja nichts. Das ist eine Ansicht die so nicht stehen gelassen werden darf. Jeder Hund hat eine Individualdistanz in der er anderen Artgenossen und auch Menschen begegnen möchte und auf die unbedingt eingegangen werden muss. Auch das Passieren von Artgenossen sollte dann so gestaltet werden, dass der Mensch die Situation jederzeit für seinen Hund klar erkennbar regelt.

    Immer häufiger kommt es dazu, dass durch eine Mangel- oder Fehlernährung eine bisher nicht erkannte Schilddrüsenunterfunktion bei den Hunden vorliegt. Das führt zu Unsicherheiten, Schreckhaftigkeit, Müdigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis, Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit. Und da möchte der Hund nur noch in Ruhe gelassen werden.

    Wenn einem Hundhalter es so vorkommt das sein Hund bei Artgenossenbegenungen sich schnell aufregt, nicht richtig runterkommt und dann wieder zu Hause die schon aufgezeigten Symptome zeigt, sollte am besten sofort ein Tierarzt aufgesucht und die Schilddrüsenwerte kontrolliert werden. Zudem eine Futterberatung hinsichtlich möglicher Mangelernährung durchführen.

    Damit ist seiner Fellnase ganz viel geholfen.

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