Auf den Zahn gefühlt

Ein häufges Problem unserer Hunde ist Zahnbelag und die daraus entstehende Zahnfeischentzündung. Jeder zweite Hund über drei Jahre ist davon betroffen. Dabei ist gar nicht die Menge des Zahnbelags oder des Zahnsteins für die Stärke der Entzündung entscheidend, sondern die Reaktion des Abwehrsystems der Maulhöhle auf die in dem Zahnbelag enthaltenen Bakterien. So bilden zum Teil Hunde mit massivem Zahnsteinbefall eine nur geringe Zahnfeischentzündung aus, während Hunde mit nur geringem Zahnsteinbefall eine hochgradige Zahnfeischentzündung aufweisen können.

Aufbau Zahnhalteapparat

Das Zahnfeisch (Gingiva) gehört zum Zahnhalteapparat, mit dem die Zähne im Kieferknochen befestigt sind. Dabei hat es die Aufgabe, die in der Tiefe liegenden weiteren Anteile des Zahnhalteapparates (Kieferknochen, Zahnwurzel und Haltefasern) vor Bakterien und Fremdstoffen zu schützen. Dazu umschließt die Gingiva den Zahnhals wie eine Manschette und dichtet so den Zahnhalteapparat gegenüber der Maulhöhle ab. An dem Kontaktbereich von Gingiva und Zahnhals bildet sich dadurch eine kleine Zahnfeischtasche (Sulcus), in der die erste Abwehr gegenüber Bakterien stattfndet. Dazu schüttet das Zahnfeisch Abwehrzellen und Spülfüssigkeit in diese Tasche, um Bakterien abzutöten und zu entfernen.

Zahnbelag

Sobald sich die Zähne beim Zahnwechsel in die Maulhöhle schieben, werden sie von einer klebrigen Schicht aus Speichel, Futterresten, abgestoßenen Schleimhautzellen und Zuckerstoffen überzogen. In diesen sogenannten „Biofilm“ lagern sich sofort Bakterien, die dort ideale Wachstumsbedingungen vorfinden und sich schnell vermehren. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte und Giftstoffe, die das Zahnfeisch reizen und schädigen können. Wird der Zahnbelag nicht entfernt, kann Zahnstein entstehen. Zahnbelag und Zahnstein breiten sich in Richtung der Zahnfeischtasche weiter aus und erreichen schließlich deren Boden. In diesem Bereich sind vorwiegend Bakterien zu fnden, die unter sauerstoffarmen Bedingungen wachsen. Diese Bakterienarten sind erheblich aggressiver gegenüber dem Körpergewebe und führen in der Folge zu schweren Schäden.

Zahnfleischentzündung

Eine Zahnfeischentzündung (Gingivitis) ist als Abwehrleistung des Körpers gegenüber Bakterien, aber auch anderen schädigenden Einfüssen zu verstehen. Die Schleimhaut wird stärker durchblutet und schwillt an, was an einer dunkelroten Farbe und einer Verdickung erkennbar ist. Die Schleimhautoberfäche wird durchlässiger und blutet bei geringen Reizen oder in schweren Fällen auch spontan. Im Rahmen der Abwehrreaktion werden von den Abwehrzellen der Gingiva Hilfsstoffe (Enzyme) freigesetzt, die die Bakterien abtöten und aufösen sollen. Diese Enzyme unterscheiden jedoch nicht zwischen körperfremden und körpereigenen Zellen, so dass auch das körpereigene Gewebe attackiert wird. Ist die Entzündungsreaktion erfolgreich, so wird das zugrunde gegangene körpereigene Gewebe in der Ausheilungsphase wieder erneuert. Kann der Körper die in das Gewebe eingedrungenen Bakterien jedoch nicht ausreichend abwehren, laufen die Abbauprozesse weiter. Zahnfeisch als auch der Kieferknochen werden zunehmend abgebaut und die Zahnwurzeln freigelegt. Die Bakterien dringen immer tiefer in das Gewebe ein und können so schwerwiegende Zerstörungen auch an den, an den Zahnhalteapparat angrenzenden Strukturen hervorrufen. Der Gewebeabbau im Bereich der Oberkieferzähne kann so weitreichend sein, dass die knöcherne Abgrenzung zur Nasenhöhle durchbrochen wird und eine Verbindung zwischen Maulhöhle und Nasenhöhle entsteht – eine Maul-Nasen-Fistel. Dadurch können Futterteile beim Schlucken in die Nase gepresst werden und Entzündungen der Nase verursachen.

Folgen der Gingivitis

Durch den Abbau des Zahnhalteapparates kommt es in der Folge zu einer Lockerung der betroffenen Zähne und schlussendlich zu deren Verlust. Die dauerhafte Infektionssituation ist für den Körper jedoch weitaus gefährlicher. Die Bakterien können in den Blutkreislauf gelangen und so die inneren Organe befallen. Vor allem Herz, Nieren und Leber sind dabei gefährdet, aber auch Gelenke können betroffen sein. Häufg sind gerade bei alten Patienten Symptome vorhanden, die von den Besitzern als Alterserscheinungen interpretiert werden. Dazu gehören Bewegungsarmut, geringere Belastungsfähigkeit, Futterverweigerung, Müdigkeit und Herz-Kreislaufstörungen. Nach erfolgter Zahnsanierung bessern sich diese Symptome oft deutlich und die Lebensqualität steigt an. Alter und angegriffener Gesundheitszustand sollten daher nicht als Hindernis für eine Zahnsanierung unter Narkosebedingungen angesehen werden.

Therapie

Bei der Entfernung der bakterienhaltigen Zahnbeläge und des Zahnsteins ist es entscheidend, dass die Beläge in den Zahnfeischtaschen entfernt werden. Denn die alleinige Entfernung des sichtbaren Zahnsteins auf der Zahnkrone hat lediglich kosmetischen Charakter, da gleichzeitig die Entzündung am Zahnhals unbemerkt weiter läuft. Hochgradig gelockerte Zähne sollten entfernt werden, da eine ausreichende Befestigung nicht wiederhergestellt werden kann und die beweglichen Zähne einen zusätzlichen Entzündungsreiz für den Knochen darstellen. Geschädigte Gewebepartien können zwar abheilen, abgebauter Knochen wird jedoch nicht wieder aufgebaut. Zähne, die freiliegende Wurzeloberfächen aufweisen, sollten nur dann erhalten werden, wenn eine ausreichende häusliche Maulhygiene durchgeführt werden kann, da sich ansonsten in kürzester Zeit wieder Beläge und Zahnstein dort ansammeln.

Vorbeugen

Neben dem Zähneputzen ist auch eine Desinfektion der Maulhöhle mit Chlorhexidinpräparaten notwendig, um die erneute bakterielle Besiedlung zu verzögern. Eine Zahncreme ist für das Zähneputzen nicht zwingend erforderlich, es kommt eher auf den mechanischen Effekt durch die Putzbewegung an. Zahncremes für den Menschen sollten wegen des hohen Fluorgehaltes nicht verwendet werden, da durch das Schlucken die Gefahr einer nachfolgenden Fluorvergiftung besteht. Eine ausreichende Kautätigkeit ist für die Zahnhygiene ebenfalls ein wichtiger Faktor, da sich der Zahnbelag durch den Abrieb mit strukturiertem Futter reduzieren lässt.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 2/2011
Beitrag und Fotos: Dr. Stefan Nefen, prakt. Tierarzt, Düsseldorf, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Tierzahnheilkunde, Mitglied der EVDS (European Veterinary Dental Society)