Blutegel in der Hundetherapie – Eklig oder nützlich?

Der Hund lahmt nach längerem Liegen, langen Spaziergängen und ist auch schon etwas in die Jahre gekommen? Wenn diese Beschwerden länger anhalten, drängt sich oft der Verdacht einer Arthrose auf, die auch Hunde häufig betrifft. Raten Tierheilpraktiker bei diesen Patienten nach der Anamnese und dem Befund zu eine Blutegelbehandlung als Therapie, begegnet ihnen häufig ein eher angeekelter Gesichtsausdruck. Denn oft gibt es noch Vorurteile gegenüber den kleinen Blutsaugern. Nach eingehender Beratung erklären sich jedoch viele Hundehalter einverstanden und sind später überrascht von dem guten Verlauf der Therapie.

Der medizinische Blutegel „Hirudo medicinalis“

Um zu verstehen, wie eine Blutegelbehandlung genau abläuft, muss man zunächst einen kleinen Ausfl ug in die Biologie der kleinen Tiere machen. Blutegel existieren seit geschätzt 450 Millionen Jahren und gehören zum Stamm der Ringelwurmarten, von denen es über 600 blutsaugende Egelarten weltweit gibt. Von diesen kommen jedoch lediglich 15 Egelarten für therapeutische Zwecke in Frage. Die Arten Hirudo medicinalis und Hirudo verbana, werden dabei in Europa zu Heilzwecken eingesetzt.

Bei näherer Betrachtung erkennt man auf diesem wurmartigen Geschöpf eine braune bis grünliche Zeichnung auf einem fast schwarzen Untergrund. Diese ist bei jedem Egel einzigartig und ähnelt einem Fingerabdruck. Blutegel sind fünf bis zehn Zentimeter lang und besitzen einen sehr dehnfähigen Körper. An einem Körperende befi ndet sich der Kopf mit dem Beißwerkzeug, das aus drei Kieferreihen mit winzigen Kalkzähnchen besteht. Das andere Ende bildet ein saugnapfähnliches Halteorgan. Augen besitzt das wurmartige Tier zwar nicht, dafür aber verschiedene Rezeptoren, die ihm dabei helfen, eine geeignete Bissstelle zu finden. In freier Wildbahn leben Egel vornehmlich in sumpfartigen Gewässern. Daher müssen die Tiere auch im Wasser gehalten werden, wenn sie nicht zur Therapie eingesetzt werden, sonst drohen sie auszutrocknen.

Wirkung der Blutegeltherapie

Die Saliva, so bezeichnet man den Egelspeichel, enthält verschiedenste Wirkstoffe, die wohl erst in ihrer natürlichen Kombination, die gewünschte Wirkung erzielen. Zu 100 Prozent sind die Inhaltsstoff e noch nicht wissenschaftlich geklärt, genauso wenig, wie ihre Wechselwirkungen untereinander. Es handelt sich dabei um einen Cocktail verschiedener Enzyme, die unterschiedlichste therapeutische Zwecke erfüllen. Einer der wichtigsten Stoffe ist das Hirudin, das zu den Gerinnungshemmern zählt. Durch die gerinnungshemmende Wirkung resultiert die im Anschluss zur Behandlung auftretende Nachblutung an der Bissstelle, welche einige Stunden anhalten kann. Diese ist ein erwünschter Bestandteil der Blutegeltherapie und umfasst mengenmäßig nochmal das Volumen, welches auch durch den Egel konsumiert wurde und sollte auch nicht künstlich unterdrückt werden. Zum einen wird dabei nachhaltig das betroffene Gebiet entstaut und entschlackt, zum anderen hilft dies bei der Reinigung der Wunde. Das Hirudin aus dem Speichel des Blutegels ist im weitesten Sinne mit dem wohl etwas geläufi geren Heparin verwandt.

Dieses wird sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin bei Gefäßverschlüssen eingesetzt. Außerdem enthält die Saliva ebenfalls Hyaluronidase und verschiedene Egline. Dies sind Enzyme, die entzündungs-, gerinnungs- und elastasehemmend wirken. Gerade die entzündungshemmenden Eigenschaften sind in der Schmerztherapie von Bedeutung. Die vielen positiven Eigenschaften machen die Egeltherapie zu einer sinnvollen Alternative oder Ergänzung zu konservativen entzündungshemmenden Therapien, die in der tierärztlichen Praxis bei schmerzhaften Prozessen im Bewegungsapparat ihren Einsatz finden. Im Gegensatz zu den häufig verwendeten Non Steroidal Anti Inflammatory Drugs wie Metacam und Rimadyl, hat die Blutegeltherapie jedoch keine unerwünschten Nebenwirkungen im Magen-Darmtrakt und belastet nicht die Hauptausscheidungs- und Stoff wechselorgane. Gerade in der Therapie von arthrotischen Gelenksveränderungen, können diese Vorteile entscheidend sein, da dort oft eine längere Behandlung erforderlich ist. Durch ihre entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften finden Egel in der Hundepraxis vor allem bei Krankheiten des Bewegungsapparates ihren Einsatz. Gerne werden sie bei Arthrose, Arthritis, Bandscheibenvorfällen und Spondylose eingesetzt. Auch Sehnenerkrankungen oder Othämatome, können mit Blutegeln behandelt und der Heilungsprozess unterstützt werden.

Die Behandlung dauert in der Regel eine Stunde. Ist der Egel mit seiner Mahlzeit fertig, fällt er ab. Im Anschluss wird die Wunde zum Schutz der Umgebung mit einem Verband abgedeckt. Liegt die Bissstelle ungünstig, kann man diese auch off en lassen. Dann muss die Einrichtung der Wohnung vor einer Verschmutzung durch die Nachblutung geschützt werden. Es kann aber auch ein kleiner Spaziergang unternommen werden. Das lenkt den Patienten ab und unterstützt die Verteilung der Egelstoffe im Gewebe. Während der Zeit der Nachblutung sollte der Hund unter Beobachtung des Besitzers stehen, auch um ein starkes Belecken der Wunde zu verhindern. Dies wird jedoch selten beobachtet, ebenfalls kein Juckreiz, von welchem in der Humantherapie häufig berichtet wird.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde, 4/2014
Kristina Räder, Naturheilverfahren für Tiere, Seminare und Vorträge, www.tierheilpraktikerin-kristina-raeder.de