Epilepsie beim Hund

Epilepsie ist die häufigste chronische neurologische Erkrankung beim Hund. Durchschnittlich ist jeder 100ste Hund von Krampfanfällen betroffen. Somit gelangt diese Erkrankung immer mehr ins Bewusstsein von Züchtern und Tierbesitzern. Fragen ergeben sich: Wie erkenne ich die Symptome? Wie wird die Diagnose gestellt? Wie wird Epilepsie behandelt und wie ist die Prognose für das Tier?

Was ist Epilepsie?

Der Begriff Epilepsie leitet sich ursprünglich von dem griechischen „epilepsis“ ab und bedeutet „der Anfall, der Übergriff“. Bei der Erkrankung treten spontan Krampfanfälle ohne erkennbare Ursache auf und kehren wieder. Diese Form von Anfällen wird auch als angeborene oder idiopathische Epilepsie (beim Hund 50 % aller Epilepsien) bezeichnet. Den anderen auftretenden 50 Prozent epileptiformer Anfälle liegen beispielsweise eine funktionelle Erkrankung des Herzens, eine Leberfunktionsstörung oder eine Unterzuckerung, aber auch Tumoren oder Entzündungen des Gehirns zu Grunde.

Der Weg zur eindeutigen Diagnose

Um einen Hund mit epileptischen Anfällen therapieren zu können, muss zunächst geklärt werden, ob es sich um eine idiopathische oder symptomatische Epilepsie handelt. Dazu sind eine klinische und eine neurologische Untersuchung notwendig. Darüber hinaus sollte eine umfangreiche Blutuntersuchung inklusive eines Leberfunktionstests und eventuell eine Herzabklärung durchgeführt werden. In manchen Fällen kann erst eine Kernspintomographie und eine Liquorpunktion zur eindeutigen Diagnose der Epilepsieform führen.

Idiopathische Epilepsie

Bei dieser Form der Epilepsie wird bei all den genannten Untersuchungen kein pathologischer Befund erhoben. Die idiopathische Epilepsie kann beim Hund sporadisch auftreten. Genetisch bedingt erkranken an dieser Form der Epilepsie häufig Berner Sennenhunde, aber auch Golden- und Labrador Retriever. Familiär gehäuft tritt die Epilepsie beispielsweise beim Pudel und beim Border Collie auf.

Der epileptische Anfall

Ein Anfall kündigt sich meist bereits Stunden bis Tage vor dem eigentlichen Krampf an. Der Hund ist hochgradig ruhelos, nervös und/oder er starrt ins Leere. Der „klassische“ generalisierte Krampfanfall ist für den Hundehalter leicht zu erkennen. Er beginnt meist mit einem Niedergehen des Tieres in Seitenlage. Die Gliedmaßen sind gestreckt, in der Folge kommt es zu Ruderkrämpfen mit den Beinen. Häufig setzen die Hunde Kot und/oder Urin ab und speicheln stark. Manche Tiere entwickeln einen ausgeprägten Kieferkrampf, der sehr gefährlich ist, da die Hunde sich dabei auch festbeißen können. Die Hunde sind während des Anfalles nicht bei Bewusstsein und deshalb nicht ansprechbar. Der eigentliche Krampfanfall dauert in der Regel nur ein bis zwei Minuten. Danach kann es bis zu 72 Stunden zu neurologischen Symptomen kommen. Die Hunde sind verstört, aggressiv, müde, hungrig, durstig und blind oder können auch Gleichgewichtsstörungen haben.

Atypische Formen des epileptischen Anfalls

Neben dem generalisierten Anfall gibt es auch so genannte fokale Anfälle, die von Zuckungen einzelner Muskelgruppen bis hin zu komplex fokalen Anfällen in Form von halluzinativen Anfällen (Fliegenschnappen) oder Rennattacken, sog. „running fits“, reichen können. Die fokalen Anfälle können sich im weiteren Verlauf zu generalisierten Krämpfen ausweiten.

Cluster und Status epilepticus

Mehrere an einem Tag auftretende epileptische Anfälle werden Cluster genannt. Ein Status epilepticus ist ein Anfall, der mehr als zehn Minuten dauert. Beide Phänomene erschweren die Therapie und verschlechtern somit auch die Prognose für den Patienten.

Wie kommt es zu Anfällen?

Einem epileptischen Anfall liegt eine abnormale, gleichzeitig stattfindende neuronale Aktivität vieler Nervenzellen in der Großhirnrinde bei einem gestörten Ruhemembranpotenzial dieser Zellen zugrunde. Das bedeutet, die Kommunikation der Zelle mit der Außenwelt ist gestört. Es liegt eine erniedrigte Erregungsschwelle der Nervenzelle vor, die leicht überschritten und damit das Ruhemembranpotenzial aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Dies ist entscheidend für die Therapie mit Medikamenten.

Wie wird Epilepsie behandelt?

Antiepileptische Medikamente wirken stabilisierend auf das Ruhemembranpotenzial. Das am häufigsten beim Hund eingesetzte Antiepileptikum ist das Barbiturat Phenobarbital. Wirkt das Barbiturat nicht ausreichend, werden so genannte „Add-on-Medikamente“ eingesetzt. Diese sind u. a. Kaliumbromid, Felbamat und Levetiracetam. Ziel der Behandlung ist eine Verlängerung der Abstände zwischen zwei Anfällen und eine Verkürzung der Dauer der Anfälle. Ungefähr ein Drittel der Hunde werden dadurch sogar anfallsfrei. Bei einem Drittel der Tiere kann eine vorübergehende Anfallsreduktion erreicht werden. Das letzte Drittel spricht leider nicht ausreichend auf die Behandlung an. Die befriedigende Einstellung eines epileptischen Hundes auf die Medikamente dauert ungefähr drei bis sechs Monate. In dieser Zeit sind Blutuntersuchungen in regelmäßigen Abständen notwendig, um zu überprüfen, ob der Gehalt des verwendeten Medikamentes im Blut ausreichend ist. So können auch Nebenwirkungen minimiert und die Wirksamkeit der Medikamente optimiert werden.

Epilepsie muss behandelt werden

Unwissenheit und die daraus resultierende Angst vor Nebenwirkungen der antiepileptischen Therapie lassen manchen Hundehalter zögern, die Behandlung zu beginnen. Dabei sollte spätestens nach dem zweiten epileptischen Anfall mit der Therapie begonnen werden, denn unbehandelte Krampfanfälle können sich dramatisch verschlimmern. Zudem sinkt die Ansprechbarkeit der Epilepsie auf Medikamente von Anfall zu Anfall.

Lebenserwartung- und Qualität mit Epilepsie

Die Epilepsie beim Hund ist eine so genannte „Management-Erkrankung“. Das bedeutet, dass mit der Auswahl und optimaler Dosis von Medikamenten die Symptome unterdrückt, aber nicht geheilt werden können. Hunde, die unter antiepileptischer Therapie anfallsfrei sind, haben keine geringere Lebenserwartung als gesunde Hunde. Wenn das Tier aber unter einer komplizierten Form der Epilepsie, wie Clustern oder Status epilepticus leidet, kann sich seine Lebenserwartung reduzieren. Die Heilung von Epilepsie ist nur durch eine so genannte Spontanheilung möglich.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 1/2009
Beitrag und Fotos: Dr. Andrea Bathen-Nöthen, Tierärztin, Köln, Tätigkeitsschwerpunkt: Kleintier- und Pferdeneurologie

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