Miteinander für das Wohl der Hunde handeln

Mit der aktuellen Gesetzgebung könnten Hunde in Nordrhein-Westfalen zumindest wieder auf Waldwegen frei laufen und so nicht mehr nur „illegal“ hundegerechten Auslauf genießen. Doch eine „jetzt-habe-ich-Recht-Haltung“ ist grundsätzlich fehl am Platz, wenn man langfristig ein positives Miteinander von Hunden und Menschen sichern möchte. Denn es ist nur eine Frage von Vorfällen, bis Kommunen alle Wälder zu Erholungswäldern erklären, um die Hundehaltung neu zu reglementieren. Was können Hundehalter und Nicht-Hundehalter also gemeinsam dazu beitragen, dass es wieder ein positives Verhältnis zueinander gibt und vor allem zum Wohl der Tiere zu handeln, anstatt diese zu einem Verwaltungsobjekt zu degradieren?

Freilauf heißt nicht außer Kontrolle

Alle Hunde sollen sich in Freilaufgebieten wohl fühlen und nicht nur die starken, überlegenen, oder die, die sich jeden Tag zum Rudel dort zusammenrotten. Damit sind vor allem auch Halter gemeint, die zusammenstehen und quatschen, während ihre Hunde sich selbst überlassen, rudelartig weitere Hunde, die den Weg kreuzen, niedermachen. Wenn auf die Bitte, vorausschauend zu handeln und die Hundemeute zurückzurufen, es dann heißt „Geh‘ doch woanders spazieren!“ oder „Die regeln das schon untereinander!“, dann sehnt sich auch eine Hundetrainerin nach einem Eignungsverfahren, das Menschen als Hundehalter oder auch generell deren Verstand prüft! Nein – ganz bestimmt muss niemand woanders spazieren gehen, denn auch im Freilauf haben alle Hundehalter dafür zu sorgen, dass kein Hund zu Schaden kommt. Es gilt nicht das Recht des Stärkeren. Und Schaden fängt nicht erst bei einer Beißerei an. Schaden nimmt ein Hund auch dann, wenn er von Hunden gehetzt und dann überrannt wird. Wenn er gemobbt oder von einem unsicheren Hund attackiert wird, nur weil dieser mit der Unterstützung der anderen Hunde gerade den Mut hat. Das sind Schäden, die sich in der Psyche des Hundes verankern, sein Verhalten Artgenossen gegenüber dauerhaft negativ verändern und die vom Halter des Verursachers mit keinem Geld der Welt zu „reparieren“ sind. Hundehalter sollten deshalb Kenntnis über das Verhalten von Hunden, insbesondere in Gruppen, haben – tja, und es anwenden wollen!

Gegenseitige Rücksicht heißt das Zauberwort

Mindestens jeder zweite Hundebesitzer ist auch Fahrradfahrer. Nur würden diese nicht wie Wahnsinnige an einer Gruppe Kinder oder auch Erwachsene vorbeirasen. Fast scheinen Hunde manche Radfahrer dazu zu animieren, einen Unfall zu provozieren. Oder gibt es das zumeist unappetitlich spack anliegende Rennoutfit schon mit einem „Anti-Hunde-Serum“ zu kaufen? Zu dieser „Ich-habe-Recht-Haltung“ hat sicherlich auch der abzulehnende generelle Leinenzwang beigetragen. Es gibt natürlich auch positive Bespiele und davon gefühlt zunehmend mehr. Der Radler reduziert Tempo, der Hund wird zur Seite gerufen, man sagt sich gegenseitig ein „Danke“ und schon setzt jeder seinen Weg gut gelaunt fort. Es könnte so einfach sein, oder? Ja, könnte es, wenn auch Hundehalter dafür Sorge tragen, dass ihr Hund weder eine Gefahr für andere darstellt, genauso wie Eltern die Verantwortung haben, ihre Kleinkinder davon abzuhalten, jemandem vor das Rad oder auch ungefragt auf Hunde zuzurennen und diese anzufassen. Wenn jeder seine eigene Verantwortung wahrnähme und diese nicht auf den Anderen abwälzen würde, wäre da kein Problem.

Ein erzogener Hund ist eine Freude für alle

Freilauf ist ein Muss für Hunde, denn nur so können sie ihre naturgegebenen Bedürfnisse, wie körperliche und geistige Auslastung sowie Kontakt zu Artgenossen, befriedigen. Jedoch gelten dabei für sie und ihre Halter Regeln. Wer sich einen Hund anschafft, sollte deshalb auch bereit sein, Zeit und auch das Geld in eine qualifizierte, gewaltfreie und individuell auf ihn zugeschnittene Hundeerziehung zu investieren. Dabei sollte er sich immer vor Augen halten, dass diese Erziehung schlicht und einfach dazu dient, seinem Hund maximale Freiheiten zu verschaffen. Wer hört (und das auch dann, wenn der Hund hohen Ablenkungsreizen ausgesetzt ist!) darf auch frei laufen, und sowohl Mensch als auch Hund können ihre gemeinsame Zeit draußen entspannt genießen. Ein folgsamer Hund darf fast überall hin mitgenommen werden, in Cafés, lebensmittelfreie Geschäfte und Einkaufszonen. Wenn ein Vierbeiner sich zu benehmen weiß, ist er auch ein gern gesehener Gast bei Freunden und in Urlaubsunterkünften. Wer aber seinen Hund nicht erzieht, schadet nicht nur dem Hund und sich selbst, sondern als schlechtes Beispiel auch anderen Hundehaltern, die bemüht sind, einen respektvollen Umgang mit Nicht-Hundehaltern zu pflegen.

Wie soll die Zukunft unserer Hunde aussehen?

Die zunehmende Verwaltung von Hunden hat zu einer Frontenbildung geführt, bei der jede Seite verbissen darauf erpicht ist, ihr Recht durchzusetzen: Nicht-Hundebesitzer ihr Recht, nicht belästigt zu werden, und Hundebesitzer das Recht darauf, nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden. Was dabei verloren ging, ist der gesunde Menschenverstand. Denn alle haben Recht, denn sie leben alle in ihrer Stadt oder auf dem Land. Fest steht: Wir werden das „Problem“ nicht durch sinnfreie Gesetzgebungen lösen, sondern nur durch ein respektvolles Miteinander. Kann das so schwer sein? Welches Problem kann es für den Radler sein, für einen Hund abzubremsen, und welches für den Hundehalter, seinem Hund Anweisung zu geben, die es beiden ermöglicht, ihren Weg schadlos fortzusetzen? Welches Problem können denn Fußgänger mit freilaufenden Hunden haben, die ihres Weges gehen ohne sie zu belästigen? Und warum sollte es ein Problem für den Halter sein, dafür Sorge zu tragen?

Wir haben kein Problem, außer das, dass jemand zu oft Recht haben will – gewinnen will, sich durchsetzen will – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: ohne Rücksicht auf Verluste. Auch wenn die Hundehaltung eine gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt und der Mangel an Rücksicht deshalb auch in vielen anderen Bereichen wieder zu finden ist, darf der Verlust an Miteinander nicht auf dem Rücken der Hunde ausgetragen und deren rechtmäßiger Freilauf beschnitten werden. Denn das bedeutet Verluste für alle Seiten. Die einen wetzen die verbalen Messer, sobald sie zur Tür hinaus treten, und ernten täglich Streit und Stress, die anderen landen im Tierheim oder fristen ihr Leben an der Leine. Wer will dann noch der beste Freund des Menschen sein?

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 3/2012
Beitrag: Burga Torges, Hundetrainerin
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