Pfotenlecken – was steckt dahinter?

Pfotenlecken wird häufig als Verhaltensproblem aufgrund von Langeweile oder Verlassensängsten interpretiert. Auch in Lehrbüchern finden sich Hinweise darauf, dass es sich um eine psychogene Hautkrankheit (Dermatose) handelt. Sicherlich kennen viele Hundebesitzer gelegentliches Pfotenlecken ihres Hundes. Bis zu einem gewissen Grad ist das normal. Wenn ein Tier jedoch trotz ausreichender Aktivitätsangebote sowie eines abwechslungsreich gestalteten Alltages diese Angewohnheit beibehält und auch nachts leckt, ist es notwendig, eine dermatologische Untersuchung vorzunehmen.

Harmlose Unsitte oder Ausdruck einer ernstzunehmenden Krankheit?

Besonders bei Hunden mit heller Fellfarbe erkennt man auf den ersten Blick eine Dunkelfärbung des Fells an den Pfoten. Diese entsteht durch den Speichel beim Belecken oder Beknabbern der Pfote. Eine Entzündung der Haut und des Krallenbettes der Pfote (Pododermatitis) ist beim Hund ein häufig auftretendes Hautproblem. Meist liegt ein intensiver Juckreiz zugrunde, manchmal so erheblich, dass die Tiere nachts vor lauter Pfotenlecken nicht zur Ruhe kommen. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen, welche abgeklärt werden müssen. Was tut der Tierarzt? Der Tierarzt klärt die Ursache ab und stellt einen Behandlungsplan auf. Nachfolgend stellen wir beispielhaft fünf verschiedene Ursachen und deren mögliche Behandlung vor.

Befall mit Demodexmilben (Demodikose)

Zu den abzuklärenden Ursachen gehört immer die Demodikose, welche durch eine bestimmte Milbe (Demodexmilbe) hervorgerufen werden kann. Mit einer einfachen mikroskopischen Untersuchung können ein Hautgeschabsel bzw. ausgezupfte Haare Aufschluss darüber geben, ob diese Hautparasiten vorliegen. Begünstigt wird die Demodikose durch über einen längeren Zeitraum verabreichtes Cortison oder über immunsuppressive, d.h. das Immunsystem schwächende Begleiterkrankungen. Manche Rassen sind besonders anfällig für diese Erkrankung. Dazu zählen der Shar Pei, der West Highland Terrier, die Englische Bulldogge, der Scottish Terrier und der Deutsche Schäferhund.

Fallbeispiel: Ein zehn Jahre alter Sheltierüde wird wegen ständigen Pfotenleckens vorgestellt. Mikroskopisch lassen sich massenhaft Demodexmilben nachweisen. Bei der Ursachensuche stellt sich heraus, dass es sich bei der Grundkrankheit um ein hormonelles Problem handelt: Der Hund produziert zu viel körpereigenes Cortison. Nach Behandlung von Milben, bakterieller Überlagerung und Lösung des hormonellen Problems sind die Pfoten geheilt.

Zwischenzehenabszesse (Interdigitale Furunkulose)

Ein häufig nicht als auslösende Ursache erkanntes Problem beim Hund sind Stellungsanomalien wie Plattfüße. Hierdurch können Haarschäfte in tiefer gelegene Hautschichten eindringen und es kann als Reaktion auf das einsprießende Keratin zu einer Fremdkörperreaktion mit Bläschen und Abszessen zwischen den Zehen kommen. Aufgrund der Schmerzhaftigkeit kann das sowohl eine Lahmheit als auch häufiges Belecken der Pfote zur Folge haben. In meiner Praxis sehe ich dieses Problem unter anderem häufig bei Labradoren.

Fallbeispiel: Ein drei Jahre alter Labradorrüde wird wegen immer wiederkehrender schmerzhafter, zum Teil zu einer Lahmheit führenden Entzündung des Zwischenzehenbereiches vorgestellt. Es entstanden immer wieder fluktuierende Knötchen oder Blasen an mehreren Pfoten. Der Hund ist wegen eines positiven Allergietestes bereits desensibilisiert worden, aber ohne Erfolg. Nach Ausschluss einer Demodikose, einer tiefen bakteriellen Infektion als auch einer Pilzerkrankung wurde der Hund örtlich mit einem Mittel behandelt, welches die entzündliche Reaktion auf das Keratin der einsprießenden Haare unterbindet. Seit der Behandlung ist der Hund beschwerdefrei und hat das Pfotenlecken eingestellt.
Hefepilze (Malassezien)

Eine zytologische Probe gehört zur Diagnose beim Pfotenlecken unbedingt dazu. Ein Objektträger wird einfach auf die Pfote aufgedrückt bzw. wird mit einem Tesafilmstreifen Zellmaterial von der Pfote auf den Objektträger gebracht. Mit einer Schnellfärbung kann sofort auf Hefepilze (Malassezien) oder Bakterien untersucht werden. Wird man fündig, kann man eine entsprechende Therapie, zum Beispiel mit einem geeigneten Shampoo, einleiten. In vielen Fällen reicht die Behandlung zu einer signifikanten Verbesserung der Symptome aus. Manche Hunde lecken dann überhaupt nicht mehr. Sollte der Juckreiz immer wiederkehren, muss man sich auf die Suche begeben, warum sich immer wieder Bakterien und Malassezien ansammeln. Häufig sind Allergien die auslösende Ursache. Ob es sich um eine Futtermittelallergie oder z.B. um eine Allergie auf Hausstaubmilben handelt, muss differenziert werden.

Fallbeispiel: Eine zehn Monate alte Rhodesian Ridgeback-Hündin wurde wegen ständigen Pfotenleckens vorgestellt. Sie ist mit Cortison vorbehandelt, was anfänglich gut geholfen hat. Inzwischen leckt sie trotz Cortisonbehandlung weiter, was dazu führt, dass die Pfoten kahl und wund sind. In der mikroskopischen Untersuchung wurden hochgradig Malassezien gefunden. Nach therapeutischen Bädern mit einem gegen Malassezien gerichteten Wirkstoff hörte das Pfotenlecken schnell auf.

Mykotische Pododermatitis

Ein nicht so häufig anzutreffendes Problem sind hautpilzbedingte Veränderungen. Sie manifestieren sich häufig an den Pfoten und Gliedmaßen, aber auch an Kopf und Hals. Sie können, müssen aber nicht mit Juckreiz, also Belecken oder Beknabbern der Pfoten einhergehen. Da Hautpilze die Haarfollikel schädigen, führen sie zu Haarausfall. Typischerweise ist der Haarausfall kreisrund. Die besondere Bedeutung der Hautpilze liegt darin, dass sie hochansteckend sind, und zwar sowohl für andere Tiere als auch für den Menschen. Wichtig ist, dass Hefepilze (Malassezien) im Gegensatz zu Hautpilzen (Dermatophyten) nicht ansteckend für Mensch oder Tier sind. Der einzig sichere Nachweis ist kulturell, man sollte sich keinesfalls auf Blickdiagnostik verlassen. Wenn eine Pilzerkrankung diagnostiziert wurde, gilt für die Therapie, dass alle empfänglichen Kontakttiere und die Umgebung mitbehandelt werden müssen. Der Behandlungserfolg sollte mittels Kultur überprüft werden, eine Beurteilung der klinischen Besserung ist nicht ausreichend.

Fallbeispiel: Ein drei Monate alter Labradorrüde wurde wegen Haarausfalls an der Pfote vorgestellt. Eine häufige Ursache für Haarlosigkeit an der Pfote eines Welpen ist die Demodikose. Mikroskopisch fanden wir keine Demodexmilben und auch keinen Hinweis auf eine bakterielle Infektion. Eine Pilzkultur war positiv. Es handelte sich um den Pilzstamm „Microsporum canis“. Alle mit dem Hund in einem Haushalt lebenden Menschen haben sich mit dem Pilz infiziert. Da auch bei Wurfgeschwistern des Welpen eine Pilzinfektion diagnostiziert wurde, ist davon auszugehen, dass sie sich beim Züchter infiziert haben. Da dort auch Katzen im Haushalt leben, sind diese als potenzielle Überträger verdächtig. Wir verordneten folgende Therapie: Zum einen wurde der Hund in mehrtägigen Intervallen mit einem pilzwirksamen Mittel gebadet, zum anderen wurde ihm ein mit dem Futter zu verabreichendes Medikament verordnet. Auch die Umgebung wurde mitbehandelt. Bei der Kontrolluntersuchung war die Pilzkultur negativ.

Fremdkörper

Beleckt der Hund akut nur eine Pfote bzw. nur eine Kralle, so sollte an einen Fremdkörper gedacht werden. Besonders im Sommer können sich Getreidegrannen einspießen. Diese müssen in der Regel chirurgisch entfernt werden.

Wir sehen also deutlich: Eine gründliche Untersuchung der Pfote ist immer erforderlich, bevor die Psyche des Patienten als Ursache für das Pfotenlecken in Erwägung gezogen wird.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 2/2009
Beitrag und Fotos: Dr. med. vet. Birgitta Nahrgang, Fachtierärztin mit eigener Praxis in Köln, Mitglied der DGVD (Deutsche Gesellschaft für Veterinärdermatologie), Mitglied des Arbeitskreises Dermatologie Westdeutschland