Wenn Liebe dick macht

Sonntagmorgen, 10 Uhr. Wie immer hat Happy die Nase vorn bei der ausgelassenen Verfolgung unter Vierbeinern: rasend schnell stürmt sie durch die Hundetruppe, verfolgt von der wilden Meute. Während die Menschen im Regen stehen und langsam aufweichen, haben die Hunde mächtig Spaß. Außer dem dicken Benny – er sitzt hechelnd abseits und schaut zu.

Für ihn ist das Spiel da beendet, wo es für die anderen anfängt. Denn seine Kilos auf den Rippen machen ihm das Rennen zur Qual. Gerade war Frauchen beim Tierarzt und hat ihren Benny röntgen lassen. Die Diagnose lautet Arthrose im fortgeschrittenen Stadium: die Folge jahrelangen Übergewichts. So wie ihr ist auch anderen Hundehaltern die Gesundheitsgefährdung oft nicht bewusst – oder sie wollen das Problem nicht sehen. Angesprochen auf die überflüssigen Pfunde des Lieblings fühlen sie sich verletzt, denn eigentlich wollen sie nur das Beste für ihn.

Fressen verkommt zum Ausdruck an Liebe

Als hochsoziales Lebewesen mit einer hohen Anpassungsleistung an den Menschen und seine Umwelt läuft der Hund in der Wohlstandsgesellschaft zunehmend Gefahr, vermenschlicht zu werden. Das kann sogar tierschutzrelevant sein. Überfütterung ist es. Als Projektionsfläche der menschlichen Vorstellungen und Gefühle ist der Hund nicht selten Spielzeug, Ersatzpartner, Statussymbol und Prestigeobjekt. Vor allem aber hat er die Aufgabe, den Menschen glücklich zu machen. Und Mensch ist offensichtlich glücklich, wenn der Hund frisst. Das Ergebnis ist dann ein trauriger Vierbeiner wie Benny, der keine Chance auf die Erfüllung seiner hündischen Bedürfnisse hat und ein Leben ohne Bewegung und Aufgaben fristet.

Schlechtes Gewissen ohne Grenzen

Oft haben Herrchen und Frauchen keine Zeit für lange Spaziergänge. Voll des schlechten Gewissens, überhäufen sie den Hund mit noch mehr Zuneigung in Form von Leckerchen. Natürlich gewöhnt sich der Vierbeiner daran und fordert schließlich gnadenlos fressbare Belohnungen ein. Ein Teufelskreis, aus dem sich Mensch und Tier nur befreien können, wenn Mensch den Hund ernst nimmt, sich selbst und dem Tier Grenzen setzt. Nein sagen will gelernt sein und fängt damit an, dass Spiel und Zuwendung wieder etwas mit Freude an der Bewegung und nicht mit Fressen zu tun haben.

Mit Futter Spaß haben und arbeiten

Warum also eine für die Mensch-Hund-Beziehung so wichtige Ressource wie Nahrung lieblos in den Napf füllen, wenn sich mit dem gesunden Appetit des Vierbeiners viel Gutes tun lässt? So zum Beispiel kann die Tagesfutterration auf den Spaziergängen gesucht und erarbeitet werden. Laufen und Beschäftigung befriedigen den Bewegungs- und Arbeitsdrang des Hundes mit dem schönen Nebeneffekt, dass der Mensch auf den Spaziergängen zum Mittelpunkt für seinen Vierbeiner wird und nicht der entgegenkommende Radfahrer. Den lässt er fortan links liegen. Nicht, weil ihm achtlos Leckerchen zugesteckt werden, sondern weil er spannende Sachen erlebt. Und dann liebt Hund seinen Menschen auch wieder aus den „richtigen“ Gründen.

Nippers – Stadtmagazin für Hundefreunde 1/2011
Beitrag und Foto: Sabine Hulsebosch, www.bellosbest.de